Objekt des Monats

Oktober 2020

Bierkrug der Weckerlinie Esslingen
Steinzeug mit Zinndeckel
um 1925

(Stadtmuseum im Gelben Haus STME 000098)

Bierkrug mit Zinndeckel und Emblem der Weckerlinie der Feuerwehr
Fotografie: Michael Saile

Die Feuerwehr will überall so schnell wie möglich am Brandherd sein, um früher und damit besser löschen zu können. Das hat das System der allgemeinen Löschpflicht aller Bürger im rasch wachsenden Esslingen des 19. Jahrhunderts völlig überfordert. Daher organisierten sich am 30. August 1852 im Gasthaus zum „Schwanen“ 80 Turner unter ihrem Hauptmann Theodor Georgii als „Steigerkompanie“. Sie widmeten sich ausdrücklich und ausschließlich der Brandbekämpfung in Esslingen. Diese demokratisch und straff organisierte Freiwillige Feuerwehr wuchs rasch, während die Pflichtfeuerwehr an Bedeutung verlor und 1887 aufgelöst wurde.

Um noch schneller und noch effektiver auf einen Alarm reagieren zu können, führte man 1895, also vor 125 Jahren, eine in den USA entwickelte und bereits seit 1893 in Heilbronn bestehende technische Neuerung ein: die Weckerlinie. Dabei wurden nur 24 Feuerwehrleute, alle selbständige Handwerker, die nahe am Spritzenhaus wohnten und arbeiteten, sowie zwei Fuhrleute mit einer elektrischen Klingel alarmiert. Die Alarmzentrale war in der Polizeiwache, welche von öffentlichen Feuermeldern alarmiert wurde und den Alarm weiterschickte.

Damals gab es in Esslingen noch keine elektrische Stromversorgung. Die Läutwerke in den Häusern der beteiligten Männer waren wie Glieder einer Kette hintereinander geschaltet, daher die Bezeichnung „Weckerlinie“. Diese störungsanfällige Konstruktion war damals aber ein enormer Fortschritt; entsprechend fühlten sich ihre Mitglieder als Elite der Esslinger Wehr. Ihre beiden Einsatzfahrzeuge waren ein Fuhrwerk mit einer modernen Drehleiter sowie ein Hydranten- und Gerätewagen. Im April 1895 wurde die Gründung beschlossen, im September eine erste Übung abgehalten, und schon am 28. Oktober 1895 wurde die Weckerlinie offiziell eingeweiht.

Mit dieser neuen Errungenschaft wiederholte sich, was eine Generation früher die Steigerkompanie bewirkt hatte: Das alte Feuerwehrcorps verlor an Bedeutung und wurde bei leichteren Brandfällen gar nicht erst alarmiert, während die Weckerlinie schon im ersten Jahr zweimal ausrückte und in den Folgejahren jeweils zwischen drei und elf Einsätzen hatte.

„Die Tätigkeit der Weckerlinie, welche nach erfolgter Alarmierung in kürzester Zeit zur Stelle ist, ist eine segensreiche. Durch ihr Eingreifen ist in einer großen Zahl von Fällen das Feuer in seinen Anfängen bewältigt und größerer Schaden verhütet worden“, lobte der Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten im Jahr 1906.

Aus der langen 24-er Linie wurden in den 1920er Jahren drei kleinere mit jeweils etwa einem Dutzend Melder und drei Alarmschleifen für je rund 12 Feuerwehrleute. Zusätzlich wurde die Esslinger Feuerwehr kurz nach dem Ersten Weltkrieg motorisiert: 1920 wurde eine Automobilspritze und 1922 eine Autodrehleiter angeschafft. Damit war man vielen anderen Städten voraus.

Damals wie heute wurde der Zusammenhalt innerhalb der Feuerwehr auch durch Geselligkeit gestärkt. Viele Jahre war der „Karmeliter“ das Lokal der Esslinger Weckerlinie, wo man sich traf und gemeinsam feierte. Der Angehörige der Alarmschleife 1, der Monteur Anton Öttinger, der in den 1920er Jahren in der Kiesstraße 32 wohnte, besaß seinen eigenen Halbliter-Bierkrug. Auf dem Zinn-Deckel ist sein Name eingraviert und ein Miniatur-Feuerwehrhelm aufgeschraubt. Vorne ist der Bierkrug auf der grauen Salzglasur-Oberfläche mit einem beeindruckenden Bildarrangement verziert: Vor Lorbeerzweigen sind Leitern, ein Helm und zwei vielfach gewundene Schläuche mit Strahlrohr zu einem verwirrenden Gebilde zusammengestellt, das ein Wappenschild umgibt, auf dem der alte Leitspruch aller Feuerwehren steht: „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“. Und darunter, ganz stolz und selbstbewusst „Weckerlinie Esslingen“. Da schmeckt das Bier doch gleich doppelt so gut!