Objekt des Monats

Januar 2021

Johannes Braungart: Blick über die Champagne ins Neckartal
Gouache, 27x44 cm
Um 1825

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006974)

Johannes Braungart, Blick über die Champagne auf das Neckartal bei Mettingen, Weil , Brühl
Fotografie: Michael Saile

Fährt man heute auf vierspurigen oder viergleisigen Verkehrssträngen von Esslingen nach Stuttgart, sieht man Industrieanlagen und andere Baulichkeiten, zwischen denen kaum ein wenig Grün bestehen kann. Das war vor der Industrialisierung anders. Ein von Esslingen aufbrechender Reisender berichtete 1781: „Die Gegend um die Stadt und bis hin nach Stuttgart ist von unbeschreiblicher Schönheit.“ Wie ein Beleg für diese Aussage wirkt die um 1825 entstandene Aussicht von der Gegend der heutigen Parksiedlung hinab über die Champagne, zwischen dem eleganten Schlösschen Weil (1820) und dem Weingärtnerdorf Mettingen hindurch über den in weiten Schleifen sich schlängelnden Neckar hinweg nach Obertürkheim mit der hochgelegenen Petruskirche, Untertürkheim und bis Cannstatt.

Im Vordergrund herrscht mit Rindvieh und Hütejungen die Stimmung einer Alm, unten im Tal tummeln sich die Araberpferde des Königlichen Gestüts, dahinter blitzt immer wieder der Fluss auf, der sich von einer Talseite zur anderen windet und in Mettingen bis zur Hauptstraße reicht, der heutigen Schenkenbergstraße. Rechts darüber sieht man am Bildrand eher schlecht den alten Ailenbergturm von 1574 und über diesem recht deutlich die bereits 1824 fertiggestellte Grabkapelle auf dem Rotenberg für die 1819 erst dreißigjährig verstorbene Königin Katharina.

Wiesen, Wälder, Weinberge und, wie dazwischen gestreut, den Fluss entlang einzelne Dörfer und die vom Königlichen Hofbaumeister Giovanni Salucci (1769-1845) neu erstellten klassizistischen Repräsentationsbauten machen den Reiz dieser vom jungen König Wilhelm I. (1781-1864) betriebenen Inszenierung des mittleren Neckartales aus. Es war ein in der Tradition englischer Gartenanlagen extrem weitläufig arrangiertes Landschaftsbild, das vom aufstrebenden Bad Cannstatt und dem gegenüber 1829 erbauten Schloss Rosenstein bis ans neuwürttembergische Esslingen heran reichte.
Die Gunst der Lage vor den Toren der Residenzstadt Stuttgart und die leichte Erreichbarkeit durch das hier gleichmäßig breite Tal erlaubten es der Hofgesellschaft, dem geregelten Hofleben zu entfliehen und hier das zu genießen, was als Mischung von einem realen württembergischen Landstrich und einer arkadisch anmutenden Landschaftsphantasie daherkommt.

Dabei waren die handfesten Initiativen etwa der Pferdezucht und Meierei in Weil, deren Baulichkeiten man ganz links mehr erahnen als sehen kann, durchaus staatspolitisch. Als Reaktion auf die große Hungersnot in seinem Krönungsjahr 1816 versuchte der junge Monarch die das Land prägende Landwirtschaft zu verbessern. Dazu gehörten systematische und bedarfsorientierte Viehzucht ebenso wie Landesschauen und andere Wettbewerbe.

Der Esslinger Maler Johannes Braungart (1803-1849) hat die Ideallandschaft mit realer Basis um oder kurz nach 1825 eingefangen. Er hat in seinem Werk in Malerei und Zeichnung vor allem das alte Esslingen seiner Zeit in vielen Ansichten dokumentiert, das damals Stück für Stück dem neuen, dem industriellen Esslingen zu weichen begann. Aber noch war die Landschaft um die Stadt herum offen und der Neckar so unbändig wie eh und je. Noch dominierten Acker-, speziell Weinbau und Viehzucht die Ökonomie des Neckartales, aber die Industrie war, zumindest in der Stadt Esslingen, bereits gestartet: Die Metallwarenfabrik von Carl Deffner, die mechanische Baumwollspinnerei von Christian Schöllkopf, die Handschuhfabrikation von Caspar Bodmer und, etwa zur Entstehungszeit des Bildes, die Sektproduktion von Georg Christian Kessler.

Nichts von diesen vorwärts strebenden Aktivitäten lässt dieses Bild ahnen. In diesem stillen Idyll mit realistischer Bodenhaftung herrscht jedoch neben dem Geist der guten alten Zeit auch die Prägung durch das damals noch ziemlich neue Königsreich mit seinen den Blick mitbestimmenden Neubauten. Der Anspruch der neuen deutschen Mittelmacht, direkt vor der stark wachsenden Hauptstadt Stuttgart mit landschaftsprägenden Bauten international mithalten zu können, ist offensichtlich. In diesem Sinne ist das Bild bei seiner Entstehung hochaktuell und spiegelt auch die Dynamik der ersten Herrschaftsjahre Wilhelms I.


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