Objekt des Monats

Juli 2019



Eduard J. Topitsch, Mähr. Neustadt:
„Album von Zwittau"
mit 20 s/w-Fotografien
Anfang 20. Jahrhundert

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006665)

Fotografie: Michael Saile

Das kleinformatige Fotoalbum mit Pappeinband und teilweise silbernem Prägedruck enthält 20 Fotografien aus Zwittau (heute: Svitavy, Tschechien) im Sudetenland aus der Zeit um 1900. Ursprünglich waren diese zu einem Leporello zusammengestellt, doch ist mittlerweile die Verklebung durchtrennt worden, es sind aber offensichtlich noch alle Fotografien enthalten. Die Abbildungen zeigen neben wenigen Stadtansichten und dem Marktplatz vor allem zentrale und bedeutende Gebäude in der Stadt. Diese reichen von privaten Wohnhäusern, öffentlichen Einrichtungen bis hin zu Industriebetrieben. Aufgenommen und gebunden wurden sie von dem Fotografen und Buchbinder Eduard J. Topitsch aus Mährisch Neustadt, das immerhin rund 60km von Zwittau entfernt ist.

Das Album stammt aus dem Bestand des „Heimatarchivs Zwittau". Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Esslingen, die infolge der Vertreibung von insgesamt rund 12 Millionen Deutschen aus Ost-Mitteleuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seit 1946 nach Esslingen gelangt waren, sammelten hier Erinnerungsstücke an die alte Heimat; bis 2008 hatten sie im Pliensauturm eine Heimatstube. Die dort aufgebaute große Weihnachtskrippe kam bereits 2007 in die Sammlung des Stadtmuseums im Gelben Haus; 2018 folgten die restlichen Objekte. Ein Grund für diese Übergabe war, dass die aktiven Vereinsmitglieder inzwischen ein hohes Alter erreicht haben. Auch ist die jüngere Generation mittlerweile in Esslingen zuhause und das Interesse an der Herkunft der Eltern und Großeltern ist nicht mehr von so großer Bedeutung. Die Übergabe der Bestände des Heimatarchivs Zwittau an die Städtischen Museen dokumentiert daher auch, dass mittlerweile die einstmals Vertriebenen Esslingen ebenfalls als ihre Heimat sehen.

Dies war bei der Ankunft von vier sogenannten „Antifa"-Transporten (mit etwas besseren Rahmenbedingungen für Personen, die sich nach der Ansicht der Tschechen nach 1938 nichts hatten zuschulden kommen lassen) zwischen Juli und Oktober 1946 mit insgesamt 1104 Menschen in Esslingen nicht zu erwarten. Es ist eines der großen „Nachkriegswunder" der jungen Bundesrepublik, dass hier die Integration von bis 1950 mehr als 8 Millionen Vertriebenen, begünstigt durch das „Wirtschaftswunder" und die Regelungen des Lastenausgleichsgesetzes in einem langwierigen und für alle Beteiligten emotional belastenden Prozess gelang. Dieser verlief – auch wenn man es lange anders darstellte – nämlich alles andere als reibungslos und unkompliziert.
Dies kommt auch durch die Wahl des sudetendeutschen Priesters und Vertriebenenpolitikers Franz Ott zum ersten direkt gewählten Bundestagsabgeordneten in Esslingen im Jahr 1949 zum Ausdruck, die seinerzeit bundesweit für Aufsehen sorgte. Er erreichte nicht zuletzt aufgrund der unbefriedigenden Situation der von den Behörden euphemistisch als „Neubürger" bezeichneten Vertriebenen die Mehrheit der Stimmen.

Bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1946 war Zwittau die größte Stadt in der deutschen Sprachinsel Schönhengstgau in Mähren. Sie wurde um die Mitte des 13. Jahrhundert gegründet und war durch die Textilherstellung geprägt. 1910 hatte Zwittau 9.649 Einwohner. Nach 1918 gehörte die Stadt zur Tschechoslowakei. Im Oktober 1938 kam es infolge der „Münchner Konferenz" zur Eingliederung des Sudetenlandes in das „Deutsche Reich" . Im Mai 1945 wurde Zwittau durch die sowjetische Armee besetzt, im Juli 1945 wurde die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Ost-Mitteleuropa auf der Potsdamer Konferenz beschlossen. Die planmäßige Ausweisung der Deutschen aus der Tschechoslowakei begann im Januar 1946, der erste Transport aus Zwittau und Umgebung verließ die Stadt am 27. Januar 1946. Die Vertriebenen gelangten von dort nach Hessen, Bayern und Württemberg. Hier waren neben Esslingen vor allem Göppingen, Nürtingen und Backnang das Ziel.


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