Objekt-Archiv

Unsere Objekte vergangener Monate

Hier finden Sie alle Historischen Schätze seit Mai 2014.
 

Mai 2019 - Seifenfabrik Friedrich Gruner: Grunelle - "Seifenmühle"


Seifenfabrik Friedrich Gruner:
Grunella-"Seifenmühle"
2. Hälfte 20. Jahrhundert

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005702)

Fotografie: Michael Saile


Am 05. Mai 2019 jährt sich zum elften Mal der Welttag der Handhygiene. Welcher „Historische Schatz" könnte daher in diesem Monat geeigneter sein als eine Seifenmühle aus dem Hause Gruner.

Bereits 1805 setzte Jakob Friedrich Gruner in Calw den Grundstein des Unternehmens. Etwa 50 Jahre später verlegte sein Sohn den väterlichen Betrieb in die damals aufblühende Industriestadt Esslingen.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte Gruner sich dann auch international einen Namen. Das aufstrebende Unternehmen erhielt Auszeichnungen bei Weltausstellungen wie in Paris 1867 und Moskau 1872. Damals zog das Unternehmen von der Milchstraße 2 in ein neues großes Fabrikanwesen in die städtebaulich neu erschlossene Pliensauvorstadt auf der anderen Neckarseite. Die Friedrich Gruner „Seifenfabrik und Oelhandlung" befand sich fortan in der Nellingerstraße 8.

Ein bedeutender Meilenstein in der Unternehmensgeschichte war das im Jahr 1905 erfundene Gruner Waschmittel. Es gilt als das erste selbsttätige Waschmittel der Welt – und das bereits zwei Jahre vor dem Waschmittelklassiker PERSIL! Auch in Russland und Asien fanden die Produkte aus dem Hause Gruner reißenden Absatz. Aber nicht nur Seifen befanden sich im Sortiment von Gruner. Selbst „Dr. Heiners antiseptische Wundsalbe" war ein bedeutendes Produkt des Hauses. Bis 1972 bestand die Firma Gruner, dann fusionierte sie mit Enzian in Metzingen. Erst vor wenigen Jahren beendete auch dieses Unternehmen seinen Betrieb.
Die Grunella Seifenmühle selbst wurde 1952 unter dem damaligen Gruner-Chef Walter Scherieble entwickelt. Schnell stieg die Nachfrage des Seifenspenders und er war seither jahrzehntelang auf vielen bundesdeutschen Toiletten zu finden. Sie gelangte aber auch zu weit über die deutschen Grenzen hinausragendem Ruhm. Der spektakulärste Geschäftspartner war ein arabischer Scheich, der die Seifenmühle bei einem Stuttgarter Automobilkonzern sah und davon so begeistert  war, dass er gleich einige Seifenmühlen bestellte. Dabei handelte sich um Einzelstücke, die eigens für ihn vergoldet wurden.

Die vorliegende Seifenmühle besteht aus drei Teilen: Der etwa 19cm hohe Seifenspender ist aus verchromtem Gussmetall hergestellt. Der obere Teil ist zylinderförmig und dient zur Aufnahme der ebenfalls zylindrisch geformten Trockenseife. Unten befindet sich eine Kurbel aus schwarzem Kunststoff, mit der die Seife gemahlen wird. Das Rohr lässt sich mit einem Deckel verschliessen. An ihm hängt eine Kette mit einem Gewicht, das die Seife nach unten drückt. Das Innere der Seifenmühle bezeugt die häufige Nutzung des Gerätes: Es befinden sich noch immer Seifenreste darin. Die Mühle konnte mit vier Schrauben an der Wand befestigt werden. Zur Befestigung diente eine Blende aus Kunststoff, die wiederum schwarz ist. Darauf klebt ein ebenfalls schwarzer Aufkleber mit weißer Schrift, der über die Produktbezeichnung und den Hersteller aufklärt. Die gezeigte Seifenmühle tat ihre Dienste in einer Allgemeinarztpraxis. Dort hing sie seit etwa 1970. Spätestens seit 2000 wurde sie dort nicht mehr verwendet. Die Anforderungen an die medzinische Handhygiene hatten sich doch zu sehr geändert. Schließlich wurde sie während einer Renovierung abmontiert und kam als Geschenk in den Besitz des Stadtmuseums.

Auch wenn die Firma Gruner nicht mehr existiert, ist dieser Klassiker noch heute erhältlich. Bis zu ihrem Produktionsende vertrieb die Seifenfabrik Enzian den Produktstamm um Grunella weiter. 2011 übernahm die Firma Sapor aus dem Ruhrgebiet den Designklassiker. Dort kostet die Seifenmühle stolze 120 €. Beschrieben wird die Grunella Seifenmühle mit den drei Worten: langlebig – umweltfreundlich – kinderleicht.

April 2019 - Carl Wahler: Sirnauer Hof

Carl Wahler: Sirnauer Hof
Kohlezeichnung und Gouache
1920er Jahre

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006282)

 

Fotografie: Michael Saile


Während heute die Talauen des Neckars über allergrößte Strecken dicht bebaut und besiedelt sind, lässt eine höchstens hundert Jahre alte Ansicht des Hofguts Sirnau ahnen, dass vor der Industrie und der Siedlung Sirnau hier eine weitläufige ländliche Idylle bestanden hat.

Durch archäologische Grabungen im Jahr 1936 wissen wir, dass am Ostrand der heutigen Siedlung ein großer alemannischer Friedhof gelegen hat. Auch keltische Funde, so ein faszinierend ausgestattetes Grab einer jungen Frau aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, sind damals ausgegraben worden.

Auch wenn eine Vorgängersiedlung der Alemannen erschlossen werden kann und es im Mittelalter die Weiler Ober- und Untersirnau gegeben hat, wurden erst mit der Gründung eines Nonnenklosters 1241 Ort und Name aktenkundig. Eine Schwesternsammlung aus Kirchheim unter Teck hatte damals das Gut von einem Albert von Altbach erworben, der damit seine Teilnahme am Kreuzzug gegen die Tataren finanzieren wollte. Vier Jahre später wurde das Kloster in den Dominikanerorden aufgenommen.
Das hielt aber weder Adelige noch Esslinger Bürger davon ab, die Sirnauer Dominikanerinnen juristisch und auch ganz handfest immer wieder zu bedrohen und sogar Klostergebäude zu zerstören, bis die Frauen 1292 die Erlaubnis erhielten in die Esslinger Vorstadt Pliensau umzuziehen, wo heute noch die Sirnauer Straße an sie erinnert. Vom ehemaligen Kloster Sirnau aus wurden nun die umliegenden Felder bewirtschaftet wurden. Da der Klosterhof einsam fernab der Stadt Esslingen lag, war er 1449 und 1519 Ziel württembergischer Angriffe.

Dies ändert sich im Grunde auch nicht, nachdem er an das Esslinger Katharinenspital verliehen und im Bauernkrieg 1525 großteils abgebrannt worden war. Die Dominikanerinnern übergaben danach ihren Klosterhof endgültig an das Spital, wodurch er nach der Reformation um 1535 reichsstädtischer Besitz wurde.

Zwischen 1544 und 1576 wurde der Hof weitgehend so wiederaufgebaut, wie er sich heute darstellt. Der Besitz an Grund und Boden konnte in den nächsten beiden Jahrhunderten deutlich vergrößert werden und erreichte Ende des 18. Jahrhunderts über 350 Hektar Acker-, Wiesen- und Waldland.

Im Jahr 1800 errichtete westlich des Sirnauer Hofes im benachbarten Friedenstäle Jakob Zink eine Hammerschmiede. 1802 wurde Sirnau mit Esslingen zusammen württembergisch und 1828 der Markung Deizisau zugeschlagen, was einen hundert Jahre langen Streit zwischen der Stadt Esslingen und dem Staat Württemberg nach sich zog. Die Sirnauer Wiesen, auf denen heute die Siedlung Sirnau liegt, wurden Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend für sportliche Aktivitäten genutzt. Ein Schießhaus und später auch ein Forsthaus wurden errichtet. Die 1889 aufgenommene Fährverbindung mit der Fähre „Cimbria“ blieb vor allem durch ein schreckliches Unglück nach einem Fußballspiel im April 1918 mit 21 Todesopfern lange Zeit im Gedächtnis der Bevölkerung.

In den 1920er Jahren begannen die Neckarbegradigung und –kanalisierung. Aus dieser Zeit stammt wohl die kleine frühlingshafte Ansicht von Carl Wahler, der 1863 in Esslingen geboren worden war, in den 1880er Jahren nach einer Lithographenlehre an der Stuttgarter Kunstschule bei Friedrich von Keller Malerei studiert hatte und ab 1889 lange Jahre eine Lithographiewerkstatt in Stuttgart betrieb. Seine eigentliche Leidenschaft galt aber der Industrie- und Landschaftsmalerei. Berühmt wurden seine Darstellungen von Hammerschmieden. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tod 1931 widmete er sich ganz der Malerei.

Er stellt die Situation bei einem Ausflug in die Umgebung seiner alten Heimatstadt so dar, wie sie sich auch den erwerbslosen ersten 50 Siedlern der „Stadtrandsiedlung“ Sirnau wohl noch geboten hat, die im Frühjahr 1932 mithalfen, ihre staatlich geförderten Häuser zu errichten: Mitten im ergrünenden Neckartal liegt zwischen blühenden Bäumen und vor dem bewaldeten Hang das ummauerte Hofgut mit den mächtigen Bauresten der ehemaligen Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. Es ist so einsam und wehrhaft wie seit 400 Jahren. Die Felder und Wiesen und die vor den Winden schützenden Pappeln sind auch für den heutigen Spaziergänger noch gut zu sehen, wenn er am Ostrand der Siedlung Sirnau mit der dröhnenden B 10 im Rücken nach Süden schaut und die belebten Straßen rundherum und das Industriegebiet zu seiner Rechten ausblendet, das sich bis nach Deizisau hinzieht. Stille gibt es hier, wie fast überall am mittleren Neckar, kaum mehr, aber immer noch strahlt das Hofgut etwas von seiner vorindustriellen Bedeutung und der längst vergangenen Einsamkeit in der Talaue aus.

März 2019 - Hafnerfirma Christian Geiger, Teetasse mit Untertasse


Hafnerfirma Christian Geiger
Teetasse mit Untertasse
Porzellanmanufactur Bauer & Pfeiffer, Schorndorf
1920-1934
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005862)

Fotografie: Michael Saile

Die Gestaltung der Tasse ist schlicht, aber dennoch fällt ihr farbiges Blumenmuster auf. Die Formensprache der Blumen nähert sich dem Stil des Art déco (1920er-1930er Jahre), ohne dabei zu modern zu wirken. Dabei ist ein prächtiges Farbarrangement der Porzellanmalerei zwischen Gelb, Orange und Blau entstanden. Goldränder am Ohrenhenkel, am oberen Tassenrand und am äußeren Untertassenrand veredeln den stimmigen Gesamtauftritt des Keramikproduktes. Die Farbe Gold findet sich ebenfalls auf der Unterseite der Tasse wieder. Dort stehen in goldenen Lettern die Signatur des Herstellers und des Verkäufers. Es ist ein Logo von zwei ineinander geschlungenen und bekrönten Buchstaben („bekrönte Ligatur“), die unter sich ein und-Zeichen beherbergen: B&P. Darunter wird die Herkunft klar deklariert: WÜRTTEMBERG. Zusätzlich ziert darüber der Namensschriftzug eines Esslinger Händlers namens Christian Geiger die Unterseite der Keramiktasse. B&P – das steht für die Porzellanmanufactur Bauer und Pfeiffer in Schorndorf, die von 1904 bis 1934 bestand. Im Verlauf nannte sich das Unternehmen in „Württembergische Porzellan-Manufactur“ um und wurde zu einer Aktiengesellschaft. Da in der Zeit des Ersten Weltkrieges die Porzellanproduktion zum Erliegen kam und sich das Tassendesign am Art déco orientiert, stammt es vermutlich aus den 1920er bis frühen 1930er Jahren. Die Teetasse wurde anscheinend nur selten benutzt. Teetrinken, im Gegensatz zum Kaffee, war in Süddeutschland zur damaligen Zeit eher unüblich.
 
Der Händler des Porzellanproduktes Christian Geiger war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Küferstraße 28 in Esslingen sesshaft. Als Hafnermeister bot er Glas, Porzellan, Steingutwaren, Öfen und Herde an. Darüber hinaus führte er ab 1933 ein Haushaltsgeschäft, das seinen Sitz in der Küferstraße 13 hatte. Es scheint so, als hätte Geiger bei der Schorndorfer Manufaktur das Porzellan in Auftrag geben lassen und die Manufaktur hat im Gegenzug die Häfnerei oberhalb ihres Logos hinzugefügt. Das ist sehr wahrscheinlich, da die Signatur des Herstellers und des Händlers aus einem Guss zu stammen scheinen. Heute mutet der Beruf des Hafners gerade für die junge Generation fremd und exotisch an. Die Arbeit lässt sich grob in die Bereiche des Ofen- und Kaminbauens und der Töpferei einordnen. In Geigers Familie hatte die Beschäftigung als Hafner nachweislich eine Tradition. Es war bereits die dritte Generation seiner Familie, die als Hafner ihr Geld verdiente. Seinen eigenen Laden gründete er um das Jahr 1894. Auch sein Sohn Otto Geiger sollte ab 1934 die Familientradition fortführen. Da dieser allerdings keine Nachkommen hatte, führte er den Betrieb bis zu seinem Ableben 1953. Nach seinem Tod wurde das Familienunternehmen von seiner Gattin unter dem Namen „Hedwig Geiger, Ofen- und Herdgeschäft“ (Neulieferungen, Reinigungen, Reparaturen sowie Ersatzteile) bis 1960 weitergeführt. Da kein geeigneter Nachfolger gefunden werden konnte, kam es daraufhin zur endgültigen Schließung des Ladens.
 
Porzellangeschirr kann heute in Deutschland auf eine verhältnismäßig kurze Tradition zurückblicken. Die Feinkeramik stammt aus China, wo sich Porzellan im heutigen Sinne schon seit 600 n. Chr. belegen lässt. Etwa zeitgleich lassen sich dort die ersten Tassen nachweisen. Es sollte bis in das 17. Jahrhundert andauern bis die ersten Keramiktassen in Folge der ersten Teelieferungen durch portugiesische Händler nach Europa importiert wurden. Das Wort „Tasse“ hat sich über das Französische als arabisches Lehnwort auch im Deutschen eingebürgert (tas, tas(s)a = Schälchen, Napf). Erst Anfang des 18. Jahrhunderts etablierte sich im deutschen Raum ein selbst vor Ort hergestelltes Porzellan, das zu Beginn vor allem in Dresden und Meißen hergestellt wurde. Im 20. Jahrhundert gelang dem Porzellan – je nach Sichtweise – der Aufstieg oder Niedergang zur Massenware. Somit ist Porzellan heutzutage nicht mehr allein den wohlbetuchten Leuten vorbehalten, sondern ist für die breite Masse erschwinglich geworden.

Februar 2019 - Glaskaraffe von Friedrich Wilhelm Spahr


Friedrich Wilhelm Spahr:
Silberbelegte Glaskaraffe
Spahr & Co. Silberbelagwaren-Fabrik, Schwäbisch Gmünd
um 1955

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005866)

 

Fotografie: Michael Saile

Eine kleine grünliche Glaskaraffe, im Corpus weit ausladend und mit geschwungenen Silberstreifen verziert. Wahrscheinlich für ein Achtel Liter Hochprozentiges.
 
Die nur 11,5 cm hohe Likörkaraffe mit dem eingeschliffenen Glasstöpsel ist von acht s-förmig geschwungenen und asymetrisch geteilten an- und abschwellenden Silberbändern umschlungen, die unten in einem Bodenring enden und oben in den Hals und die Schnauze der Karaffe münden. Diese sind, wie der gläserne Henkel der Karaffe auf seiner Außenseite, aus Silber.
 
Schaut man ein wenig genauer hin, sieht man, dass der Silberüberzug nicht über das Glas gezogen, sondern fest mit ihm verbunden ist. Solche Silber-verzierten Gegenstände aus Porzellan oder Glas, die man heute als Silberoverlay bezeichnet, waren ab Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland unter der Bezeichnung Silberbelagware schick geworden. Der Pforzheimer Friedrich Deusch hatte sie maßgeblich entwickelt und ab 1901 in Schwäbisch Gmünd vervollkommnet, wo er auch 1912 seine – bis heute existierende – Metallporzellanfabrik Deusch & Co. für derartige Luxusartikel gegründet hat.
 
Einer seiner begnadetsten Lehrlinge war vermutlich der am 31.3.1900 in Esslingen geborene Friedrich Wilhelm Spahr, Sohn des aus Schwaikheim stammenden Kaufmanns Wilhelm Spahr aus der Mettinger Straße 101.
 
Die Schwierigkeit bei der Herstellung dieser aus zwei völlig unterschiedlichen Materialien bestehenden Objekte bestand darin, das Silber in einem galvanischen Bad mit der gläsernen Oberfläche zu verbinden. Das geschah, indem man die Glasflächen ganz präzise genau dort aufraute, die nachher mit Silber überzogen werden sollten. Danach bestrich man diese Flächen mit einer metallhaltigen Paste, die fähig war Strom zu leiten. Alle anderen Flächen musste man dabei perfekt abdecken. Die Genauigkeit dieser Vorarbeit entschied über die Qualität des Resultats, das dann in einem bis zu 30stündigen galvanischen Bad in einer Silberlösung erreicht wurde und den fühlbar dicken reinen Silberauftrag bewirkte. Die Muster konnten so frei sein, wie sie wollten, mussten aber zusammenhängen, damit der Stromfluss durch alle Teile und damit ihr gleichmäßig starker Aufbau garantiert waren.
 
Die wegen des Aufwandes an Präzision und Sorgfalt in der Regel ziemlich teuren und daher oft in Juweliergeschäften verkauften Vasen, Schalen oder Geschirrteile hatten großen Erfolge ab der Zeit des Art déco im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die flächige und klare moderne Gestaltung lässt sich auch an der kleinen Karaffe ablesen. Sie vermied Zwischentöne, indem auf den Porzellan- oder Glasuntergrund das damit in Materialität und Farbe kontrastierende Silbermuster flächig aufgebracht wurde. Es gab keine Materialvermengungen. Bei manchen Gegenständen ist die Silberfläche zusätzlich zart graviert worden. Eine besondere Schwierigkeit stellen auch die gewölbten und kleinen Flächen dar, die eine Übernahme eines Rapports aus einer Vorzeichnung auf Papier schwer machen.
 
Friedrich Wilhelm Spahr hatte sich 1937 in Schwäbisch Gmünd in der Gemeindehausstraße 6 selbständig gemacht und vier Jahre lang mit etwa 40 Mitarbeitern – Galvaniseure, Graveure, Email- und Porzellanmaler - produziert, bevor seine Firma um 1940 herum aus den Akten verschwand; vermutlich war sie als nicht kriegswichtig eingestuft und geschlossen worden.
 
Spahr ist 1953 rückwirkend als am 31.3.1945 verstorben erklärt worden – wahrscheinlich ist er im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Seine Witwe Erika, geb. Daibler, hat die Firma nach dem Krieg bis 1959 weitergeführt. Dabei hat sie viele von Spahrs Entwürfen weiter produziert, aber auch neue ins Sortiment gebracht. Die kleine Karaffe gehört mit ihrem schräg abschließenden Hals mit hoher Wahrscheinlichkeit in diese zweite Phase der Spahr’schen Manufaktur.

Januar 2019 - Geschenkset "Variomaster", Metallwarenfabrik Quist


Geschenkset „Variomaster“-Kerzenständer
3 Kerzenständer mit Originalverpackung
Metallwarenfabrik F. W. Quist
um 1970
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005551)

Fotografie: Michael Saile


Gerätschaften für den festlich gedeckten Tisch waren in der über 100jährigen Zeit ihres Bestehens DAS Produkt der Metallwarenfabrik F. W. Quist. Gegründet wurde sie als „Lackier- und Metallwaarenfabrik“ 1866 durch Jakob Schweizer (jun.). Als die Firma 1886 in „Actien-Plaqué-Fabrik“ umbenannt wurde, war einer der Firmeninhaber schon der in Holstein geborene Friedrich Wilhelm Quist (1831-1903), der ab 1896 Alleininhaber war. Von nun an blieb die Metallwarenfabrik F.W. Quist bis zu ihrem Konkurs 1981 in Familienbesitz.

Die Jahre seit 1966 sind durch den Versuch gekennzeichnet, mit Hilfe neuer Produktlinien und risikofreudigen unternehmerischen Entscheidungen die Zukunft der Firma zu sichern. Dabei sorgte 1971 die Ankündigung der Firma Quist, dass sie mehr als 25 Prozent der Anteile an der Geislinger Konkurrenzfirma WMF erworben hatte, für große Überraschung. Mit diesem Schritt wollte die Esslinger Firma eine Kooperation erzwingen, beispielsweise um ihre Waren in den Markenläden der WMF verkaufen und gemeinsam Material einkaufen zu können. Diese Strategie ging allerdings nicht auf, da sich die Rahmenbedingungen für die Einflussnahme im Nachhinein als deutlich anders herausstellten, als man beim Erwerb der Aktien angenommen hatte. Auch eine geplante Verlegung der Produktion nach Fernost konnte nicht realisiert werden.

Gleichzeitig hatte sich der Markt für die bisherigen Produkte aus versilbertem Metall einschneidend verändert. Die seit Jahrzehnten eingeführten Firmenerzeugnisse fanden seit Ende der 1960er Jahre immer weniger Absatz, da sie den geänderten Geschmacksvorstellungen der Käufer nicht mehr entsprachen. Hinzu kam die Konkurrenz durch billige Importe aus Fernost. Dieser allgemein in der Branche spürbaren Entwicklung entging beispielsweise die italienische Firma „Alessi“, indem sie konsequent auf gutes Design setzte und sich dank dieser Strategie zu einer Weltmarke entwickelte.

So zeigt die Produktpalette der Firma Quist in dieser Zeit einen starken Wandel. Die angebotenen Artikel wurden immer vielfältiger, aber auch beliebiger. So gibt es neben eher rustikal anmutenden Erzeugnissen aus Zinn und firmeneigenen Metalllegierungen wie „Quistal“, durchaus auch Designentwürfe auf hohem gestalterischem Niveau, wie beispielsweise der Kugelaschenbecher „Smokny“ oder die kugelförmigen Salz- und Pfefferstreuer. Daneben finden sich zahlreiche reine Geschenkartikel im Sortiment. Verstärkt griff man jetzt auch die seit den 1950er Jahren sich immer weiter verbreitende „Partykultur“ auf und produzierte unter dem Namen „Quist-Party-Geräet“ Produkte vom Cocktail-Shaker über den Erndnussspender bis zum „Party-Apfel“.

Zu diesen Lifestyle-Produkten gehört auch der als „Variomaster – das moderne Leuchter-Stecksystem“ bezeichnete Kerzenständer. Diesen gab es „vernickelt“, „verkupfert“ und „versilbert“. Im zeitgemäßen Design konnte der stolze Besitzer mit Hilfe eines einfachen Stecksystems je nach Anzahl der zur Verfügung stehenden Kerzenständer unterschiedlichste Leuchter-Kreationen zusammenfügen. Ähnlich wie bei einem Modelleisenbahn-Starterset ermöglicht die gezeigte aufwendige Geschenkpackung mit drei Kerzenständern erste einfache Leuchter-Kombinationen. Vermutlich spekulierten die Hersteller bei diesem Produkt auch darauf, dass der Sammeltrieb der Kunden geweckt wurde und sie noch viel mehr dieser Kerzenständer besitzen wollten. Dies suggeriert schon allein das auf der Verpackung abgebildete Foto, das eine glückliche Besitzerin hinter einer Leuchter-Installation mit deutlich mehr als nur drei Steckleuchtern zeigt. Damit der Spaß auch sofort beginnen konnte, lagen der Packung noch passende Kerzen aus zeittypischem orangenem Wachs bei.

Wie viele andere Gegenstände der späten Quist-Produktion fand die Geschenkpackung ihren Weg über das Internet ins Stadtmuseum. Auffällig ist dabei, dass viele dieser für wenig Geld erworbenen Produkte der 1970er Jahre durchaus auch Hinweise auf ihre Akzeptanz beim Kunden geben können. So zeigte sich bei vielen dieser Neuanschaffungen, die sich sicher niemals hätten träumen lassen einmal in einer Museumssammlung zu sein, dass sie noch in der originalen Verpackung und häufig sogar in Kunststoff eingeschweißt verkauft wurden. Auch zeigen sie oft keinerlei Gebrauchsspuren und auch im Fall des Geschenksets sind weder Wachsreste auf den Kerzenständern vorhanden noch fehlt eine der neun mitgelieferten Kerzen. Dies zeigt deutlich, dass der Vorbesitzer, der dieses Set vermutlich – vielleicht sogar zu Weihnachten – geschenkt bekommen hatte, nur wenig Begeisterung aufbringen konnte und keine Verwendung dafür hatte. Doch das Geschenk umzutauschen – wie jetzt nach den Festtagen häufig geschehen wird – war anscheinend auch keine Alternative. Erst die Möglichkeit, es im Internet zu versilbern, brachte diesen Gegenständen wohl erstmals einen praktischen Nutzen für ihre Besitzer.

Nach dem Konkurs der Metallwarenfabrik F. W. Quist 1981 erwarb die Bayerische Metallwarenfabrik in Nürnberg die Marke „Quist“ und damit auch die Berechtigung, bisher von der Esslinger Firma hergestellte Produkte zu fertigen. Zu diesen gehören in leichten Abwandlungen auch Steckkerzenleuchter.

Dezember 2018 - Irma von Pfannenberg: Vom Christkind und seinen Trabanten

Irma von Pfannenberg:
Vom Christkind und seinen Trabanten
Verlag J. F. Schreiber, Esslingen und München
5. Auflage, um 1950
(J. F. Schreiber-Museum, JFS 000189)

Eine verschneite Innenstadt, Sterne, ein festlich geschmückter Tannenbaum mit brennenden Kerzen, singende und Trompete spielende Engel sowie das Christkind. Schon während des Betrachtens der Titelseite „Vom Christkind und seinen Trabanten“ wird eine feierlich weihnachtliche Stimmung allgegenwärtig. Aufgebaut ist das um 1915 entstandene Kinderbuch mit jeweils einer Textseite links und einer Bildseite rechts. Der Erzähltext wurde in Paarreimen verfasst. Blau und Gelb akzentuieren durchweg die Komposition der farbigen mit Feder gezeichneten Bilder. Die Handlung des 18 seitigen Buches aus dem J. F. Schreiber-Verlag spielt in der Weihnachtszeit: das Christkind macht sich auf, die Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Dabei wird es durch Engel in Kindergestalt unterstützt: die „Trabanten“. Zu Beginn der Geschichte lauscht Petrus an der Himmelspforte den ersten Weihnachtswünschen einiger Kinder und erklärt ihnen, dass alle Kinder ihre Wunschzettel schreiben sollen. Nachdem die Engel die Zettel von der Erde abgeholt haben, liest das Christkind sämtliche Wünsche. Nun bringen die Boten die Geschenke auf die Erde herab. Seite für Seite werden gewöhnliche Spielwaren aber auch Kriegsspielzeug vorgestellt. Schließlich treffen die himmlischen Boten auf der Erde ein. Kaum ist ihr Werk getan, begeben sie sich wieder gen Himmel. Am Ende des Rückwegs hilft ihnen Petrus zurück und die Sonne, verkörpert als Frau, bemuttert die emsigen Boten. Das Buch zeichnet sich durch liebevoll gezeichneten Figuren und passend kindgerechte Kolorierung aus. Der gebürtigen Ostpreußin Irma von Pfannenberg (1876-1950) ist es gelungen, mit ihren Illustrationen und Versen in einfacher Sprache ein weihnachtliches Flair zu versprühen. Über die Autorin ist nur weniges bekannt. Pfannenberg, eigentlich auf Landschaftsmalerei spezialisiert und Malereilehrerin für Akt, hatte ihren Wirkungsort in Weimar. An der Großherzoglichen-Sächsischen Kunstschule wurde sie u.a. von Sascha Schneider (Illustrator der ersten Karl-May-Bücher) unterrichtet. Pfannenbergs „Christkind“ wurde mehrmals wiederaufgelegt (das Exponat stammt aus der 5. Auflage). Der Sprung in die Riege der literarischen Weihnachtsklassiker gelang dem Buch dennoch nicht.Die Erzählung spiegelt den Zeitgeist um 1900 wider. Debatten, ob Kriegsspielzeug pädagogisch verwerflich ist, gab es damals noch nicht. Zugleich wirkt die verwendete Sprache bei Worten wie „Aeroplan“ für ein Flugzeug überholt. Was jedoch heute am meisten befremdet: Keines der Geschenke in der Erzählung wurde eingepackt. Angesichts der aktuellen Müllflut weltweit, könnte das Buch eine Anregung für einen bewussteren Umgang mit Verpackungen sein. Viele Kinder von heute dürfte verwirren, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke verteilt. Doch selbst in der Vergangenheit war das Christkind nie der einzige Gabenbringer im deutschen Sprachraum. Das Christkind als Geschenkeverteiler entstand nach der Reformation, da die Protestanten Heiligenverehrungen klar ablehnten. Zuvor gab es Geschenke in der Weihnachtszeit nur für Kinder, die der Heilige Nikolaus verteilte. Der Christkindsbrauch wurde in den letzten Jahrhunderten von den Katholiken übernommen, wogegen in protestantischen Gegenden wie Mittel- und Norddeutschland der Weihnachtsmann seinen Siegeszug antrat. Die Bedeutung des Christkindes hat jedenfalls in den vergangenen Jahrzehnten spürbar nachgelassen. Kurzum, das Buch ist unterhaltsam und ein kostbares Zeitzeugnis, aus einer Zeit, in der Weihnachtsmann und Massenkonsum in Deutschland noch keine nennenswerte Relevanz besaßen.

Die Objekte des Monats von August 2014 bis November 2018 unter dem Motto "52x Esslingen und der Erste Weltkrieg" finden Sie im "52x-Archiv".

Juli 2014 - Brief von Johan Schmid anlässlich der Pestepidemie 1521

Brief von Johann Schmid als einziges Zeugnis der Pestepidemie 1521
(Stadtarchiv Esslingen, Bestand Reichsstadt, Fasz. 223 Nr. 2)

Pestepidemien gab es seit dem ausgehenden Mittelalter in regelmäßigen Abständen. Ihren Ausgang nahmen sie im 14. Jahrhunderts mit der Pandemie des Schwarzen Todes. Ihr fiel rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung in Europa zum Opfer. Welche Krankheit die Menschen tatsächlich befiel, ist meist nicht mehr zu ermitteln. Es muss nicht die heute bekannte Pest gewesen sein. Die Menschen nutzten den Begriff auf andere Weise. Er galt als Oberbegriff für ein schweres Sterben wie auch eine Seuche sui generis, die eine spezielle Ursachendeutung erfuhr. Man sah als Krankheitsursache eine Strafe Gottes für den sündhaften Lebenswandel der Menschen. Auch Ursachen aus der Natur gab es: Bestimmte Planetenkonstellationen riefen verunreinigte, krankmachende Luft (Miasma) hervor. Stinkende Dinge wie Mist, heimliche Gemächer oder Leichen vergifteten die Luft. Auch sei eine Ansteckung durch Krankheitskeime (Contagien) möglich.

Für die Auseinandersetzung mit Epidemien in der Geschichte ist diese Sichtweise zu berücksichtigen. Die damaligen Vorstellungen waren die Grundlage für das Handeln der Menschen. Die Obrigkeit versuchte mit Seuchenordnungen die Ausbreitung der Seuchen zu verhindern. Dies hatte Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Aber auch unabhängig davon versuchten sich die Menschen vor der Pestilenz zu schützen. Sie reinigten die Luft mittels Räucherungen oder verließen verseuchte Orte. Diese war eine typische Verhaltensweise bei Epidemien. Insbesondere Kinder sollten durch einen Ortswechsel geschützt werden.
Esslingen, wo es seit 1472 regelmäßig Epidemien gab, wurde bei Seuchen von den Menschen zur Vorbeugung einer Infektion ebenfalls gemieden. Der neue Schulmeister der Lateinschule, Johann Schmid, berichtet im Herbst 1521 in einer Bittschrift an den Rat über die Zustände in der Schule und das Verhalten einiger Bürger. Zugleich gibt er einen Blick auf seine Einschätzung der Lage. Dieses Gesuch ist der einzige direkte Beleg für die Epidemie in Esslingen 1521.

Bevor er seinen Dienst antrat, hatte er erfahren, dass eine Seuche in der Stadt grassierte. Über ihr Ausmaß lässt sich nur spekulieren; das Seuchenjahr 1521 gilt jedoch allgemein als vergleichsweise schwere Heimsuchung. Aufgrund der Krankheit liege die Schule brach und die Auswirkungen der Seuche behinderten den Schulbetrieb. Viele Familien waren aus Esslingen geflohen. Der Schulmeister sah aber vor allem eine Gefahr für die eigene Gesundheit. Seine Begründung beruht auf der Vorstellung, dass die Luft in der Stadt vergiftet sei und eine krankheitserregende Wirkung habe. Daher bedeute eine Übersiedlung nach Esslingen ein besonderes Risiko. So ersuchte er den Rat, ihn bis zur Besserung der Lage außerhalb der Stadt wohnen zu lassen. Problematisch war der Umstand, dass nicht alle Schüler der Schule fernblieben oder geflohen waren. Einige Eltern bestanden weiter auf dem Unterricht. Um dies zu ermöglichen, schlug Johann Schmid vor, für die Dauer seiner Abwesenheit einen Stellvertreter einzustellen. Ob es hierzu kam, ist ungewiss. Der Rat entsprach aber dem Gesuch und stellte ihn frei.

Die Freistellung von Amtsträgern sollte sich nach 1521 ändern. Nun durften Amtsträger in Seuchenzeiten die Städte nicht mehr verlassen.

Juni 2014 - Großes ABC-Buch, um 1850

Großes ABC-Buch, Mitte des 19. Jahrhundert
Druck und Verlag von J.F. Schreiber, Esslingen
(JFS 000918)

Dieses großformatige, 18-seitige Buch ist ein wahrhaft unbeschwert unterhaltsames Exemplar eines ABC-Buches. Die wenigen und kurzen Texte sind durchweg harmlos bis lustig und selten moralisch gemeint. Das Zielpublikum muss man sich sehr jung vorstellen und in Begleitung eines allwissenden Erwachsenen.

Auf einer Doppelseite findet der angehende Leser und Schreiber drei kolorierte Abbildungen und auf der anderen Seite Worte, Schreibübungen und Reime. Die Schreibübungen sind in der damals üblich deutschen Kurrentschrift zu sehen. Diese Übungsseiten haben immer einen Schmuckrahmen. Die 26 Buchstaben des Alphabets werden einzeln mit dem kolorierten Bild erläutert. Gerne sind es Tiere, einheimische wie exotische, aber auch so ungewöhnliche Dinge wie „Chinese“, „Quarz“, oder „Vulkan“ kommen vor. Das kleine Erläuterungsbild wird umrahmt mit dem farbig gestalteten Buchstaben in Fraktur-, deutscher Kurrentschrift und lateinischer Druckschrift zusätzlich in Groß- und Kleinschreibung. Gegenüber wird dann geübt: Die Anlautierungen wie „d o“, „o-der“, „mo-de …“ helfen den Leseanfängern ein Gefühl für das gelesene Wort zu bekommen. Die meist drei Zeilen werden dazu genutzt, die deutsche Kurrentschrift zu lernen. Die Schreibzeile wiederholt die obere Zeile, aber nicht in der vollständigen Länge. Mit kurzen Reimen, Rätseln oder kleinen Scherzen wird die Lerneinheit abgeschlossen.
 
Das Prinzip des ABC-Buchs ist die Kombination von schriftlicher Darstellung von Anlauten und bildlicher Darstellung von einem oder mehreren Gegenständen, Tieren oder Personen. Anhand des ABC-Buchs sollten Kinder Lesen, Schreiben und Verstehen lernen. Die Anlautiermethode ist eine Überlegung der Pädagogen des 19. Jahrhunderts. Es ist eine bis heute viel diskutierte Methode des Lernens.

Die Geschichte der ABC-Bücher beginnt schon im 16. Jahrhundert. Damals wurden die ersten ABC-Bücher als Lernmittel gebraucht oder auch zur religiösen Unterweisung eingesetzt. Oft moralisierende Holzschnitte veranschaulichten damals schon Begriff und Text. Das ABC-Buch verliert mit der Einführung der Schulpflicht seine eigentliche Funktion und wird ab diesem Zeitpunkt in der Vorschule oder im privaten Unterricht eingesetzt. Erkennungszeichen bleibt aber die alphabetische Anordnung. Im 19. Jahrhundert lösen sachliche Texte mit unterhaltenden Reimen, die moralisierenden Reime ab. Seit den 1830er Jahren wurden die Kinder von den Erwachsenen angewiesen so Schriften zu entschlüsseln und aus Texten zu lernen. Die Jungen und Mädchen sollten über die gelesenen Texte die Sprach- und Denkfähigkeit schulen, Sachwissen erwerben und eine moralische Orientierung erhalten.
 
Das Prinzip des ABC-Buchs findet man bis heute in den Fibeln der Grundschulen, es wird immer noch zum Lesenlernen verwendet.

Mai 2014 - Albert Benz, Entwurf zur Esslinger Burg, um 1904

Albert Benz,
Entwurf zum Ausbau der Esslinger Burg, ca. 1904
(Stadtarchiv Esslingen, NL Benz 9)

Der Architekt Albert Benz (1877-1944) hat eine ganze Reihe Esslinger Gebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts in historisierendem Sinn restauriert, u.a. das Kessler-Haus und die ehem. Franziskanerkirche. Auch für die sog. „Burg“ hat er ein Projekt erarbeitet. In seinem Nachlass, der im Stadtarchiv verwahrt wird, findet sich eine hübsche aquarellierte Federzeichnung, die dieses Projekt in einer Vogelschauansicht zeigt. Benz wollte die teilweise ruinösen Befestigungsanlagen im Sinne einer spätmittelalterlichen Festung rekonstruieren. Auf dem Kanonenbuckel, einer Artilleriestellung im Norden der Anlage, plante er ein großes steinernes Gebäude. Es sollte eine neue Burggaststätte beherbergen und hätte in seiner erhöhten Position in der Fernansicht die „Burg“ deutlich dominiert. Schon 1887 hatte man den Dicken Turm als Aussichtsturm mit einem neuen Abschluss versehen. Benz, der seine Idee 1908 in der „Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsass-Lothringen“ publizierte, sah einen umfassenden Restaurationsbetrieb vor. Die heutige Burgschänke sollte durch eine Kegelbahn mit dem Oberen Turm verbunden werden, dieser über den rekonstruierten Wehrgang mit dem Dicken Turm. Dass Benz die Burg nicht nur als Tourismusmagnet, sondern auch als Naherholungsraum für die Esslinger verstand, zeigt die Einzeichnung eines Tennisplatzes. Solche Tennisplätze unter freiem Himmel erfreuten sich um 1900 großer Beliebtheit, einer der ersten auf dem Kontinent war 1898 für englische Kurgäste in Bad Homburg entstanden.

Benz sucht sich in seinem Entwurf in den Geist der Anlage einzufühlen, möglichst exakt die Befestigungsanlagen des 16. Jahrhunderts in ihrem angenommenen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Wie sein ungleich berühmterer Zeitgenosse, der Berliner Architekt und Burgenforscher Bodo Ebhardt, hatte er sich einem wissenschaftlichen Historismus verschrieben, der bis ins Detail historische Bauformen nachahmte. Die Rekonstruktion von Burgen war um 1900 nicht ungewöhnlich. Die Hohkönigsburg Ebhardts im Elsass ist eines der vielleicht bekanntesten Beispiele. Dahinter stand ein zeittypisches Burgenbild, das eine vermeintlich heroische Vergangenheit heraufbeschwören wollte und ein eigenständiges Mittelalterbild in der Tradition der deutschen Romantik entwarf.

Auch Benz versuchte sich, u.a. auf Hohenbeilstein, an solchen Bauprojekten. Beilstein blieb allerdings unvollendet, weil der Auftraggeber verstarb, und dem visionären Esslinger Entwurf dürften die Stadtväter skeptisch gegenüber gestanden haben. Er hätte die Burg um das ergänzt, was ihr so offensichtlich fehlt: ein herrschaftlicher Wohnbau, den Benz in den Formen des frühen 16. Jahrhunderts mit hohem Staffelgiebel entwarf. Tatsächlich aber war die 1314 erstmals erwähnte Burg nie Adelssitz, sondern lediglich ein stark ausgebauter Bereich der Esslinger Stadtbefestigung an der besonders gefährdeten Nordseite der Stadt.


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