Objekt-Archiv

Unsere Objekte vergangener Monate

Hier finden Sie alle Historischen Schätze seit Mai 2014.
 

November 2019 - Tischfernrohr und Mikroskop

Tischfernrohr, Mikroskop
Carl Oechsle, Esslingen
Messing, Glas, Holz
Anfang bis Mitte 19. Jahrhundert
 (Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006025; STME 006841)


Das Tischfernrohr entstand um 1820. Sein Messingtubus befindet sich am oberen Ende eines dreibeinigen Stativs, das sich in alle Richtungen drehen und neigen lässt. Auf ihm findet sich die Signatur „Oechsle Esslingen". Mit Hilfe einer Rändelschraube am Teleskopauszug lassen sich Gegenstände fokussieren. Im Auszug ist das Fernrohrokular mit den drei Linsen eingeschoben. Es ist zusammenlegbar und kann in einer passenden Holzkiste aufbewahrt werden.

Beim Mikroskop handelt es sich um das einzige uns bekannte, gut erhaltene Exemplar aus der Werkstatt von Carl Oechsle. Es besteht ebenfalls aus Messing. Auf seinen aufklappbaren, dreiteiligen Fuß ist eine runde Säule geschraubt, die den kreuzförmigen Tisch des Mikroskops trägt. An ihr befinden sich eine Bohrung zur Aufnahme des drehbaren Beleuchtungsspiegels und der dreieckige Tubusträger mit der Rack- und Pinion Verstelleinrichtung. Der Tubus des Mikroskops ist mit der Zahnstange verschraubt; mit einer Rändelschraube wird das Objekt fokussiert.

Der Hersteller der beiden optischen Preziosen ist der 1782 in Esslingen geborene Carl Oechsle. Über seine Lehr- und Gesellenjahre ist nahezu nichts bekannt, eventuell ging er bei dem Stuttgarter Hofmechaniker Jakob Heinrich Tiedemann in die Lehre. 1809 eröffnete Oechsle eine Werkstatt in Esslingen. Das Vermögen seiner Ehefrau Katharina Barbara Schweizer investierte Oechsle, der selbst über kein über Eigenkapital verfügte, in seine Werkstatt. Das Paar hatte 1810 geheiratet, noch im gleichen Jahr erhielt er das Bürgerrecht der Stadt. Dass das Vermögen der Braut für den wirtschaftlichen Erfolg des Mannes entscheidend war, ist ein immer wieder zu beobachtender Umstand in der Industriegeschichte Esslingens.

Oechsle erhielt 1812 den Titel Hofopticus und Mechanicus, nachdem der württembergische König Friedrich ein Fernrohr aus seiner Werkstatt erstanden hatte. Das Leistungsportfolio seiner Werkstatt umfasste optische und physikalische Instrumente, wie Fernrohre und Mikroskope. Optisches Glas, das Oechsle aus dem Ausland importierte, war nur schwer zu beziehen und sehr teuer. Deshalb musste er zum Ankauf der Gläser mehrere Darlehen aufnehmen. Einer seiner Geldgeber war der Stuttgarter Verleger und Unternehmer Johann Friedrich Cotta, mit dem Oechsle intensiv in Briefkontakt stand.

Auf der Kunst- und Gewerbeausstellung in Stuttgart 1823 erhielt Carl Oechsle für eines seiner Fernrohre den königlichen Preis. Als Zeichen der Anerkennung und als Ausdruck der „Freude, einen solchen Künstler unter der Bürgerschaft Esslingens zu besitzen" zeichnete ihn der Esslinger Stadtrat mit einer Prämie von 50 Gulden aus.Später nahmen Oechsle und sein Sohn Gottlob, der in der Werkstatt mitarbeitete, regelmäßig an Ausstellungen teil. 1830 erweiterten sie das Sortiment um silberne und goldene Uhren mit einem neuen Aufziehmechanismus. Dieser Geschäftszweig wurde jedoch nicht nennenswert weiterentwickelt. Oechsles Frau starb 1831 nach langer Krankheit. Durch die hohen Arztkosten war Oechsle hoch verschuldet. Einen Teil seiner Schulden übernahm das Waisengericht, einerseits aus Fürsorge für die Kinder, andererseits um die Arbeit des Künstlers weiter zu unterstützen. 1833 heiratete Carl Oechsle die Bäckerstochter Rosina Louisa Kirn. Sie brachte ebenfalls ein größeres Vermögen in die Ehe ein, das Oechsle erneut in seine Werkstatt investieren konnte.

Auch danach nahm er an einer Industrieausstellung teil, ebenso an Ausstellungen des Gewerbevereins Esslingen. Carl Oechsle arbeitete wohl bis zuletzt in seiner Werkstatt. Er starb im Oktober 1855. Aus dem nach seinem Tod erstellten Vermögensverzeichnis geht hervor, dass er über ein Gesamtvermögen von 3798 Gulden und 37 Kreuzer verfügte. Es bestand aber vor allem aus Werkzeugen, Rohmaterial sowie fertigen und halbfertigen Instrumenten. Sein Sohn Gottlob, der selbst hoch verschuldet war, schlug das Erbe aus, es fand sich auch sonst keiner, der die Werkstatt übernehmen wollte. Daher verkaufte die Erbengemeinschaft sämtliche Instrumente, Werkzeuge und Materialien.

Oktober 2019 - Slany Desgin: Thermoskanne "Vivatherm"

Slany Design, Esslingen:
Thermoskanne „VIVATHERM“
für Firma Leifheit, Nassau/Lahn
Kunststoff, Glas
1980er Jahre

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006504)

Fotografie: Michael Saile

Die Thermoskanne „VIVATHERM“ besteht aus einem silbrig glänzenden, bauchigen Kunststoffgehäuse und einem Glaseinsatz. Der konische Deckel ist kreisförmig abgetreppt und endet in einem Knauf. Er besitzt einen Ausgießmechanismus, der mit einem Druckhebel bedient wird. Die Kanne war u.a. auch in den Farben Weiß, Blau und Rot erhältlich. Hergestellt hat sie der Haushaltsgerätehersteller Leifheit aus Nassau an der Lahn. Den Entwurf erstellte der in Esslingen lebende Designer Professor Hans Erich Slany (1926-2013).

Slany wurde in Böhmisch-Wiesenthal (heute: Loučná pod Klínovcem) im tschechischen Erzgebirge geboren. Er besuchte seit 1941 die Staatsgewerbeschule in Eger (heute: Cheb), eine Ingenieurschule für Maschinenbau. Wegen seiner Einberufung zum Kriegsdienst 1944 konnte er dort aber die Ausbildung nicht abschliessen. Nach Kriegsende gelangte er über München und Nürnberg nach Ulm, wo er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Schließlich kam er nach Esslingen und beendete hier 1948 sein Studium an der Maschinenbauschule.

Anschließend arbeitete Hans Erich Slany als Entwicklungsingenieur für Aluminium Ritter.Schon 1953 unterhielt er Kontakte zur Hochschule für Gestaltung in Ulm. Aufsehen erregte das von ihm für Ritter entwickelte Geschirrprogramm, das 1957 auf der Triennale in Mailand vorgestellt wurde. Seine nächste Station war 1954 die Styling-Abteilung von Daimler-Benz, wo er in der Karrosserieentwicklung tätig war und an der Konstruktion des legendären Flügeltürers 300 SL Roadster mitwirkte. Gleichzeitig arbeitete er weiterhin freiberuflich als Designer für die Firma Ritter.

Der große Erfolg des von ihm entworfenen Geschirrprogrammes führte schließlich dazu, dass Hans Erich Slany seit dem 1. März 1956 ein eigenes Designbüro in Esslingen betrieb, das eines der ersten in der Bundesrepublik war. Hier entstanden nicht nur Entwürfe für Industriemaschinen und Werkzeuge sondern vor allem Konsumgüter des täglichen Bedarfs und Haushaltsartikel. Viele dieser Produkte gelten noch heute als Designikonen ihrer jeweiligen Zeit und fehlten damals in kaum einem Haushalt, wie beispielsweise der Teppichkehrer „rotaro“ (seit 1960) oder der „Sicomatic“ Schnellkochtopf von 1974. Im Lauf seiner Berufstätigkeit arbeitete Hans Erich Slany für zahllose Firmen, u.a. Bosch, Weishaupt oder Leitz, und erhielt über 900 Auszeichnungen.

Nach und nach wuchs die Firma und es wurden Mitarbeiter eingestellt, deren Stamm durch freie Mitarbeiter ergänzt wurde. Der Erfolg seines Gestaltungsbüros führte zu steigender Kundennachfrage und der Umwandlung des Unternehmens in eine GmbH 1986. Aus ihr schied Hans Erich Slany 1997 aus. Das von ihm gegründete Designbüro existiert bis heute, mittlerweile unter dem Namen TEAMS Design. 1965 unterstützte Hans Erich Slany die Gründung der op-art-Galerie in Esslingen. Auch gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des „Verbands Deutscher Industrie Designer e. V.“ (VDID). Von 1983 an war er Lehrbeauftragter (seit 1985 Honorarprofessor) an der Hochschule der Künste, Berlin; seit 1986 auch Begründer und Leiter des Studiengangs Investitionsgüterdesign an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart.

Seine Ausbildung als Designer erhielt Hans Erich Slany bei Heinrich Löffelhardt. Sein Gestaltungsziel war die Verbindung von Technik und Funktionalität mit einem „ansprechenden Äußeren“. Gute Gestaltung war für ihn ein wesentliches Qualitätsmerkmal, das er in allen Bereichen der Konsum- und Investitionsgüterindustrie anwand, da er der Ansicht war, dass sich optisch ansprechende Produkte in allen Bereichen besser verkaufen ließen. Eine Meinung, die bis in die 1980er Jahre v.a. beim Industriedesign, noch wenig verbreitet war. Seine Grundsätze für gut designte Produkte waren darüber hinaus „Zeitlosigkeit“, „Funktion“, Einpassung in das Corporate Design des Herstellers, Ergonomie und gute Bedienbarkeit, „rationelle und wirtschaftliche Fertigung“ und die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Menschen, die sie verwenden sollten.

September 2019 - Metallwarenfabrik Quist: Stahlhelm Modell 35

Metallwarenfabrik F. W. Quist:Stahlhelm Modell 35Molybdänstahl, Leder1930er Jahre (Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006588) 

Am 1. September 1939 - vor genau 80 Jahren - begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Er kostete bis zu seinem Ende am 8. Mai 1945 (in Europa) bzw. 2. September 1945 (in Asien) knapp 65 Millionen Menschenleben. Von ihnen wurden rund 13 Millionen Menschen zu Opfern deutscher Kriegsverbrechen.

Das wohl markanteste Ausrüstungsstück des deutschen Wehrmachtsoldaten war der Stahlhelm. Dieser wurde während des Ersten Weltkrieges angesichts der hohen Zahl an Kopfverletzungen durch Artilleriegeschosse unter der Bezeichnung M 16 eingeführt und erstmals 1916 bei der Schlacht um Verdun getragen. Obwohl man bei Kriegsende zahlreiche Helme an die Alliierten abgeben musste, reichten die vorhandenen Bestände noch für die Ausrüstung der neu geschaffenen Reichswehr mit 100.000 Soldaten aus.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde das Erscheinungsbild der Helme vereinheitlicht. Hatten sie bis dahin noch Kokarden in den jeweiligen traditionellen Landesfarben getragen, erhielten sie nun ein Wappenschild in den Farben Schwarz-Weiß-Rot. 1934 kam der Reichsadler als Hoheitszeichen hinzu. Dies zeigt die nun deutlich zentralistische Ausrichtung der Armee bei gleichzeitiger Übernahme der Symbolik der Nationalsozialisten.

Zu Beginn der 1930er Jahre erfolgten einige Modifikationen an der Innenausstattung, aber auch am äußeren Erscheinungsbild des Helmes. Sie lehnten sich an der bisherigen Erscheinung des M 16 an, auch war an der Entwicklung dessen Erfinder Professor Friedrich Schwerd (1872-1953) beteiligt. Dieser neue Helm wurde im Juni 1935 unter der Bezeichnung „Stahlhelm 35“ eingeführt. Später erhielt er als M 40 und M 42 nur noch geringe Veränderungen.Nachdem man in Deutschland im März 1935 die Wehrpflicht wieder eingeführt hatte, bestand ein hoher Bedarf an diesen Ausrüstungsgegenständen. Er wurde nicht nur bei der Wehrmacht eingesetzt, sondern auch an die SS, die Polizei und an ausländische Truppen geliefert.

Der M 35 ist wie kein anderes Ausrüstungsstück zum Symbol des nationalsozialistischen Militarismus geworden. Er stellte die Wehrmacht in die Tradtion der kaiserlichen Armee und verkörperte als Sinnbild das deutsche Soldatentum und dessen von den Nationalsozialisten postulierten Heldenmut und Siegeswillen. In den von der Wehrmacht besetzten Ländern stellte er allerdings das negative Symbol deutscher Schreckensherrschaft dar. Daher wurde er auch nicht mehr bei der neu gegründeten Bundeswehr verwendet, sondern war lediglich noch bei der Bereitschaftspolizei und im Katastrophenschutz im Einsatz. Der auf der Glocke liegende Helm mit Blume ist dagegen ein seit der Weimarer Zeit bekanntes Zeichen der Friedensbewegung. Erst die modernen Gefechtshelme der Bundeswehr aus Kunststoff griffen die Formgebung des deutschen Stahlhelms wieder auf.

Der gezeigte Helm wurde bei der Esslinger Metallwarenfabrik F. W. Quist hergestellt, deren Kerngeschäft die Produktion versilberter Metallwaren für den festlich gedeckten Tisch war. Sie hatte schon während des Ersten Weltkrieges Stahlhelme gefertigt. Bereits 1935 begann die Firma mit der Wiederaufnahme der Rüstungsproduktion; Quist reichte in diesem Jahr auch ein Patent für ein neues Herstellungsverfahren ein, 1938 folgten Gebrauchsmuster für Feuerwehr- und Luftschutzhelme. Auch bei der Entwicklung des M 45 bei Kriegsende, der aber nicht mehr zum Einsatz kam, war Quist vermutlich beteiligt. Während des Zweiten Weltkrieges wurden neben Stahlhelmen auch andere Rüstungsgüter produziert, sodass die Rüstungsproduktion im Jahre 1942 97 Prozent der Fertigung umfasste. Auch nach 1945 stellte man noch Stahlhelme her, u.a. für die Bundeswehr. Die militärische Produktion endete vermutlich Ende der 1950er Jahre, Helme für die Feuerwehr wurden seit den 1960er Jahren nicht mehr hergestellt. Auch hier machte sich, ebenso wie im eigentlichen Kerngeschäft, Kunststoff als Konkurrenzmaterial bemerkbar.

August 2019 - Julie Textor: Alt - Eßlingen

Julie Textor:
Alt-Eßlingen
Öl auf Leinwand
1897

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006436)
 

Fotografie: Michael Saile

Im Mittelalter hatte es genügt, wenn man eine Stadt darstellen wollte, dass man eine Ansammlung von Häusern und Türmen zeichnete. Das überzeugte die Zeitgenossen, dass dies kein Dorf, sondern eine echte Stadt war. Damit war man in der Neuzeit nicht mehr zufrieden.

Vor gut 400 Jahren gab es dann die ersten Abbildungen von Städten, die die gesamte Stadt in einem einzigen Bild so darstellten, dass sie zumindest wiedererkennbar war. Berühmt wurden etwas später die Kupferstiche von Matthäus Merian aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Er zeigte nicht nur sehr viele Städte von ihrer Schokoladenseite, sondern wurde auch hundertfünfzig Jahre lang fleißig kopiert. So produzierte man auch seinen Blick auf das wehrhaft ummauerte Esslingen durchs ganze 17. und 18. Jahrhundert immer von der Südseite über den Neckar mit der Burg im Hintergrund, die über allem thronte. Alle wichtigen Gebäude sollten zumindest erkennbar sein: jeder Turm und jede Kirche waren wichtig.

Erst mit der Wende zum 19. Jahrhundert kam Bewegung in den Bildermarkt. Nun wagte man neue Ansichten aus anderen Blickwinkeln, wie etwa in Esslingen die beliebte Aussicht von den Weinbergen der Neckarhalde auf die Stadt. Diese neue Perspektive hat mit Erfolg etwa Eberhard Emminger (1808-1885) detailreich und großformatig lithographiert. Vor allem mit seinen Nahansichten von einzelnen Gebäuden und Plätzen hat Johannes Braungart (1803-1849) das Innenleben der Stadt Esslingen ins Bild gesetzt.

Ein halbes Jahrhundert später hat Julie Textor (1848-1898) in ihrem großformatigen Ölgemälde „Alt-Eßlingen“ von 1897 eine vorher wie nachher sehr selten gestaltete Detailansicht der Esslinger Altstadt dargestellt. Mit ihr schaut man den Wehrneckarkanal aufwärts entlang der rechts liegenden Wehrneckarstraße auf den südlichsten Bogen der Inneren Brücke. Dahinter beherrschen die hohen und sommerlich grünen Bäume der Maille die Szenerie.

Wer die Situation östlich der Agnesbrücke oder an der Wehrneckarstraße in Richtung Rossmarkt kennt, weiß, dass die Krümmung der Straße beileibe nicht so stark ist, die Gärten fehlen und die Häuser anders aussehen. Textor nutzte für ihr Bild eine 1897 bereits vergangene Situation. Schon damals war die hier sehr schmal dargestellte Reihe der Gärten durch lauter Neubauten vollständig überbaut. Die Malerin hat an dieser Stelle – ihrem programmatischen Bildtitel „Alt-Eßlingen“ folgend – eine lange Reihe äußerst spitzgiebelige hohe Häuser gemalt. Das sind die Rückseiten der Häuser am Roßmarkt. Dieses historische Genre wirkt ganz naturalistisch, ist aber recht frei gestaltet und nur durch die Anbindung an die Innere Brücke überhaupt räumlich nachzuvollziehen. Die rückwärtsgewandte Phantasie war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet und wurde zur Erhöhung einer romantischen Stimmung verwendet. Die gebildete Julie Textor stellte sich so das mittelalterliche Esslingen vor und setzte es in derart überzeugender Weise um, dass genau dieses Gemälde wohl ihr berühmtestes ist.

Julie Textor, in Ellwangen als Kaufmannstochter geboren, studierte nach ersten Lektionen beim dortigen Zeichenlehrer August Benz 1885 bis 1889 in Stuttgart bei zwei Professoren der dortigen Kunstschule, Albert Kappis und Jakob Grünenwald, zwei ausgewiesenen Landschaftern. Danach erhielt sie bis 1894 weiteren Unterricht in München unter anderem bei den Kunstprofessoren August Fink und Bernhard Buttersack. In der kurzen Zeit bis zu ihrem frühen Tod 1898 malte sie, das geschätzte Stuttgarter Mitglied im Württembergischen Malerinnenverein, unter anderem diese äußerst dekorative Ansicht. Es sollte ihre einzige Darstellung von Esslingen bleiben.

Juli 2019 - Fotoalbum: "Album von Zwittau"



Eduard J. Topitsch, Mähr. Neustadt:
„Album von Zwittau"
mit 20 s/w-Fotografien
Anfang 20. Jahrhundert

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006665)

Fotografie: Michael Saile

Das kleinformatige Fotoalbum mit Pappeinband und teilweise silbernem Prägedruck enthält 20 Fotografien aus Zwittau (heute: Svitavy, Tschechien) im Sudetenland aus der Zeit um 1900. Ursprünglich waren diese zu einem Leporello zusammengestellt, doch ist mittlerweile die Verklebung durchtrennt worden, es sind aber offensichtlich noch alle Fotografien enthalten. Die Abbildungen zeigen neben wenigen Stadtansichten und dem Marktplatz vor allem zentrale und bedeutende Gebäude in der Stadt. Diese reichen von privaten Wohnhäusern, öffentlichen Einrichtungen bis hin zu Industriebetrieben. Aufgenommen und gebunden wurden sie von dem Fotografen und Buchbinder Eduard J. Topitsch aus Mährisch Neustadt, das immerhin rund 60km von Zwittau entfernt ist.

Das Album stammt aus dem Bestand des „Heimatarchivs Zwittau". Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Esslingen, die infolge der Vertreibung von insgesamt rund 12 Millionen Deutschen aus Ost-Mitteleuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seit 1946 nach Esslingen gelangt waren, sammelten hier Erinnerungsstücke an die alte Heimat; bis 2008 hatten sie im Pliensauturm eine Heimatstube. Die dort aufgebaute große Weihnachtskrippe kam bereits 2007 in die Sammlung des Stadtmuseums im Gelben Haus; 2018 folgten die restlichen Objekte. Ein Grund für diese Übergabe war, dass die aktiven Vereinsmitglieder inzwischen ein hohes Alter erreicht haben. Auch ist die jüngere Generation mittlerweile in Esslingen zuhause und das Interesse an der Herkunft der Eltern und Großeltern ist nicht mehr von so großer Bedeutung. Die Übergabe der Bestände des Heimatarchivs Zwittau an die Städtischen Museen dokumentiert daher auch, dass mittlerweile die einstmals Vertriebenen Esslingen ebenfalls als ihre Heimat sehen.

Dies war bei der Ankunft von vier sogenannten „Antifa"-Transporten (mit etwas besseren Rahmenbedingungen für Personen, die sich nach der Ansicht der Tschechen nach 1938 nichts hatten zuschulden kommen lassen) zwischen Juli und Oktober 1946 mit insgesamt 1104 Menschen in Esslingen nicht zu erwarten. Es ist eines der großen „Nachkriegswunder" der jungen Bundesrepublik, dass hier die Integration von bis 1950 mehr als 8 Millionen Vertriebenen, begünstigt durch das „Wirtschaftswunder" und die Regelungen des Lastenausgleichsgesetzes in einem langwierigen und für alle Beteiligten emotional belastenden Prozess gelang. Dieser verlief – auch wenn man es lange anders darstellte – nämlich alles andere als reibungslos und unkompliziert.
Dies kommt auch durch die Wahl des sudetendeutschen Priesters und Vertriebenenpolitikers Franz Ott zum ersten direkt gewählten Bundestagsabgeordneten in Esslingen im Jahr 1949 zum Ausdruck, die seinerzeit bundesweit für Aufsehen sorgte. Er erreichte nicht zuletzt aufgrund der unbefriedigenden Situation der von den Behörden euphemistisch als „Neubürger" bezeichneten Vertriebenen die Mehrheit der Stimmen.

Bis zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung 1946 war Zwittau die größte Stadt in der deutschen Sprachinsel Schönhengstgau in Mähren. Sie wurde um die Mitte des 13. Jahrhundert gegründet und war durch die Textilherstellung geprägt. 1910 hatte Zwittau 9.649 Einwohner. Nach 1918 gehörte die Stadt zur Tschechoslowakei. Im Oktober 1938 kam es infolge der „Münchner Konferenz" zur Eingliederung des Sudetenlandes in das „Deutsche Reich" . Im Mai 1945 wurde Zwittau durch die sowjetische Armee besetzt, im Juli 1945 wurde die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Ost-Mitteleuropa auf der Potsdamer Konferenz beschlossen. Die planmäßige Ausweisung der Deutschen aus der Tschechoslowakei begann im Januar 1946, der erste Transport aus Zwittau und Umgebung verließ die Stadt am 27. Januar 1946. Die Vertriebenen gelangten von dort nach Hessen, Bayern und Württemberg. Hier waren neben Esslingen vor allem Göppingen, Nürtingen und Backnang das Ziel.

Juni 2019 - Wilde + Spieth: Armlehnstuhl von Paul Schneider von Esleben

Paul Schneider von Esleben:
Armlehnstuhl
Wilde + Spieth
um 1960

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006226)

 

Fotografie: Michael Saile

„Kinderchen, könnt ihr auch Stühle bauen?“ Mit diesen Worten soll die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Egon Eiermann (1904-1970) und dem Unternehmen Wilde + Spieth 1948 begonnen haben. Fortan konzentrierte sich die Firma auf die Herstellung von Stühlen.Das Objekt des Monats Juni ist ein Designerstuhl jener Firma, der aus der Zeit um 1960 stammt. Er besteht aus einem geschweißten Metallgerüst, das mit hochwertigem Tropenholz (Teak) veredelt wurde. Dabei wurden die metallenen Stäbe gebogen und schwarz eingefärbt. Für einen weiteren dunklen Akzent sorgen die dunkelbraunen sowie abgerundeten Teakholzarmlehnen.
Durch die dunkle Farbwahl erscheint der Stuhl noch edler, als er alleine durch seine Materialwahl und Formensprache schon wirkt. Markant ist zudem das Rohrgeflecht, das sich bei der Sitzfläche sowie bei der Rückenlehne trapezförmig ausbreitet und mit seiner hellen Farbe für einen Hell-Dunkel-Kontrast sorgt.Der kantige Armlehnstuhl spielt auch weiterhin mit Gegensätzen, indem die Stahlstäbe rund gestaltet sind. Auch die an die stark ausgestellten Rückbeine angeschraubten Armlehnen sind leicht gerundet. Die vorderen Beine haben runde, tellerförmige Füßchen, die hinteren nicht.Bei der Firma Wilde + Spieth begann alles im Jahr 1831, als der Schreinermeister Wilhelm Ludwig Spieth das Unternehmen als Handwerksbetrieb gründete. 1912 stieß kurzfristig der Ingenieur Richard Wilde hinzu. Seitdem führt der Betrieb den heutigen Namen. Hauptgeschäftsfeld nach dem Ersten Weltkrieg war der Bau von Klapp- und Rollläden, was nach 1945 einige Jahre fortgeführt wurde.Die ersten Nachkriegsjahre waren für diese Firma nicht einfach. So kam es, dass sich Wilde + Spieth neu orientierte, wodurch kurzzeitig auch eigene Holzspielwaren im Sortiment angeboten wurden. Aus dem Unternehmen ging eine weitere Firma hervor, die zu den bekanntesten Sportgeräteherstellern weltweit zählt: Spieth Gymnastics. Ihren endgültigen Durchbruch hatten Wilde + Spieth jedoch als der Produktionsschwerpunkt auf Stühle verlagert wurde, von denen die Kreationen Eiermanns am berühmtesten sind. Er kreierte bis 1970 einige Designklassiker, die bis heute in der aktuellen Produktpalette enthalten sind.Das Unternehmen besteht bis heute und legt noch immer hohen Wert auf Handarbeit. Dennoch hat die Firma auch schwere Zeiten hinter sich. 2004 musste Wilde + Spieth Insolvenz beantragen. Die Kaufgewohnheiten hatten sich bei einigen Großkunden geändert. So setzten Behörden vermehrt auf Billigmöbel anstatt auf hochpreisiges Qualitätsmobiliar. Heute hat sich die handgefertigte Qualität erneut etabliert und der Firmensitz in der Plochinger Straße 156 in Oberesslingen ist erhalten geblieben. Produziert wird mittlerweile weit von Esslingen entfernt in Stendal (Sachsen-Anhalt).Als kreativer Kopf hinter dem vorliegenden Armlehnstuhl steckt Paul Schneider (von) Esleben (1915-2005). Er entstammte einer Architektenfamilie. Seine Hauptwirkungsstätte hatte der Düsseldorfer in Nordrhein-Westfalen. Er war einer der Architekten, welche die Nachkriegsmoderne insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren nachhaltig prägten. Als eines seiner berühmtesten Werke gilt der heutige Terminal 1 des Flughafens Köln-Bonn von 1970.Neben Möbeln und Gebäuden entwarf er auch Schmuck. Seine kreative Ader vererbte Schneider-Esleben an seine Kinder, die allesamt im gestalterischen Bereich tätig sind. Eines seiner Kinder schrieb Musikgeschichte: Sein Sohn ist Florian Fischer, der Mitbegründer der weltberühmten deutschen Band Kraftwerk, die als Väter der elektronischen Popmusik gelten.

Mai 2019 - Seifenfabrik Friedrich Gruner: Grunella - "Seifenmühle"


Seifenfabrik Friedrich Gruner:
Grunella-"Seifenmühle"
2. Hälfte 20. Jahrhundert

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005702)

Fotografie: Michael Saile


Am 05. Mai 2019 jährt sich zum elften Mal der Welttag der Handhygiene. Welcher „Historische Schatz" könnte daher in diesem Monat geeigneter sein als eine Seifenmühle aus dem Hause Gruner.

Bereits 1805 setzte Jakob Friedrich Gruner in Calw den Grundstein des Unternehmens. Etwa 50 Jahre später verlegte sein Sohn den väterlichen Betrieb in die damals aufblühende Industriestadt Esslingen.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte Gruner sich dann auch international einen Namen. Das aufstrebende Unternehmen erhielt Auszeichnungen bei Weltausstellungen wie in Paris 1867 und Moskau 1872. Damals zog das Unternehmen von der Milchstraße 2 in ein neues großes Fabrikanwesen in die städtebaulich neu erschlossene Pliensauvorstadt auf der anderen Neckarseite. Die Friedrich Gruner „Seifenfabrik und Oelhandlung" befand sich fortan in der Nellingerstraße 8.

Ein bedeutender Meilenstein in der Unternehmensgeschichte war das im Jahr 1905 erfundene Gruner Waschmittel. Es gilt als das erste selbsttätige Waschmittel der Welt – und das bereits zwei Jahre vor dem Waschmittelklassiker PERSIL! Auch in Russland und Asien fanden die Produkte aus dem Hause Gruner reißenden Absatz. Aber nicht nur Seifen befanden sich im Sortiment von Gruner. Selbst „Dr. Heiners antiseptische Wundsalbe" war ein bedeutendes Produkt des Hauses. Bis 1972 bestand die Firma Gruner, dann fusionierte sie mit Enzian in Metzingen. Erst vor wenigen Jahren beendete auch dieses Unternehmen seinen Betrieb.
Die Grunella Seifenmühle selbst wurde 1952 unter dem damaligen Gruner-Chef Walter Scherieble entwickelt. Schnell stieg die Nachfrage des Seifenspenders und er war seither jahrzehntelang auf vielen bundesdeutschen Toiletten zu finden. Sie gelangte aber auch zu weit über die deutschen Grenzen hinausragendem Ruhm. Der spektakulärste Geschäftspartner war ein arabischer Scheich, der die Seifenmühle bei einem Stuttgarter Automobilkonzern sah und davon so begeistert  war, dass er gleich einige Seifenmühlen bestellte. Dabei handelte sich um Einzelstücke, die eigens für ihn vergoldet wurden.

Die vorliegende Seifenmühle besteht aus drei Teilen: Der etwa 19cm hohe Seifenspender ist aus verchromtem Gussmetall hergestellt. Der obere Teil ist zylinderförmig und dient zur Aufnahme der ebenfalls zylindrisch geformten Trockenseife. Unten befindet sich eine Kurbel aus schwarzem Kunststoff, mit der die Seife gemahlen wird. Das Rohr lässt sich mit einem Deckel verschliessen. An ihm hängt eine Kette mit einem Gewicht, das die Seife nach unten drückt. Das Innere der Seifenmühle bezeugt die häufige Nutzung des Gerätes: Es befinden sich noch immer Seifenreste darin. Die Mühle konnte mit vier Schrauben an der Wand befestigt werden. Zur Befestigung diente eine Blende aus Kunststoff, die wiederum schwarz ist. Darauf klebt ein ebenfalls schwarzer Aufkleber mit weißer Schrift, der über die Produktbezeichnung und den Hersteller aufklärt. Die gezeigte Seifenmühle tat ihre Dienste in einer Allgemeinarztpraxis. Dort hing sie seit etwa 1970. Spätestens seit 2000 wurde sie dort nicht mehr verwendet. Die Anforderungen an die medzinische Handhygiene hatten sich doch zu sehr geändert. Schließlich wurde sie während einer Renovierung abmontiert und kam als Geschenk in den Besitz des Stadtmuseums.

Auch wenn die Firma Gruner nicht mehr existiert, ist dieser Klassiker noch heute erhältlich. Bis zu ihrem Produktionsende vertrieb die Seifenfabrik Enzian den Produktstamm um Grunella weiter. 2011 übernahm die Firma Sapor aus dem Ruhrgebiet den Designklassiker. Dort kostet die Seifenmühle stolze 120 €. Beschrieben wird die Grunella Seifenmühle mit den drei Worten: langlebig – umweltfreundlich – kinderleicht.

April 2019 - Carl Wahler: Sirnauer Hof

Carl Wahler: Sirnauer Hof
Kohlezeichnung und Gouache
1920er Jahre

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006282)

 

Fotografie: Michael Saile


Während heute die Talauen des Neckars über allergrößte Strecken dicht bebaut und besiedelt sind, lässt eine höchstens hundert Jahre alte Ansicht des Hofguts Sirnau ahnen, dass vor der Industrie und der Siedlung Sirnau hier eine weitläufige ländliche Idylle bestanden hat.

Durch archäologische Grabungen im Jahr 1936 wissen wir, dass am Ostrand der heutigen Siedlung ein großer alemannischer Friedhof gelegen hat. Auch keltische Funde, so ein faszinierend ausgestattetes Grab einer jungen Frau aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, sind damals ausgegraben worden.

Auch wenn eine Vorgängersiedlung der Alemannen erschlossen werden kann und es im Mittelalter die Weiler Ober- und Untersirnau gegeben hat, wurden erst mit der Gründung eines Nonnenklosters 1241 Ort und Name aktenkundig. Eine Schwesternsammlung aus Kirchheim unter Teck hatte damals das Gut von einem Albert von Altbach erworben, der damit seine Teilnahme am Kreuzzug gegen die Tataren finanzieren wollte. Vier Jahre später wurde das Kloster in den Dominikanerorden aufgenommen.
Das hielt aber weder Adelige noch Esslinger Bürger davon ab, die Sirnauer Dominikanerinnen juristisch und auch ganz handfest immer wieder zu bedrohen und sogar Klostergebäude zu zerstören, bis die Frauen 1292 die Erlaubnis erhielten in die Esslinger Vorstadt Pliensau umzuziehen, wo heute noch die Sirnauer Straße an sie erinnert. Vom ehemaligen Kloster Sirnau aus wurden nun die umliegenden Felder bewirtschaftet wurden. Da der Klosterhof einsam fernab der Stadt Esslingen lag, war er 1449 und 1519 Ziel württembergischer Angriffe.

Dies ändert sich im Grunde auch nicht, nachdem er an das Esslinger Katharinenspital verliehen und im Bauernkrieg 1525 großteils abgebrannt worden war. Die Dominikanerinnern übergaben danach ihren Klosterhof endgültig an das Spital, wodurch er nach der Reformation um 1535 reichsstädtischer Besitz wurde.

Zwischen 1544 und 1576 wurde der Hof weitgehend so wiederaufgebaut, wie er sich heute darstellt. Der Besitz an Grund und Boden konnte in den nächsten beiden Jahrhunderten deutlich vergrößert werden und erreichte Ende des 18. Jahrhunderts über 350 Hektar Acker-, Wiesen- und Waldland.

Im Jahr 1800 errichtete westlich des Sirnauer Hofes im benachbarten Friedenstäle Jakob Zink eine Hammerschmiede. 1802 wurde Sirnau mit Esslingen zusammen württembergisch und 1828 der Markung Deizisau zugeschlagen, was einen hundert Jahre langen Streit zwischen der Stadt Esslingen und dem Staat Württemberg nach sich zog. Die Sirnauer Wiesen, auf denen heute die Siedlung Sirnau liegt, wurden Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend für sportliche Aktivitäten genutzt. Ein Schießhaus und später auch ein Forsthaus wurden errichtet. Die 1889 aufgenommene Fährverbindung mit der Fähre „Cimbria“ blieb vor allem durch ein schreckliches Unglück nach einem Fußballspiel im April 1918 mit 21 Todesopfern lange Zeit im Gedächtnis der Bevölkerung.

In den 1920er Jahren begannen die Neckarbegradigung und –kanalisierung. Aus dieser Zeit stammt wohl die kleine frühlingshafte Ansicht von Carl Wahler, der 1863 in Esslingen geboren worden war, in den 1880er Jahren nach einer Lithographenlehre an der Stuttgarter Kunstschule bei Friedrich von Keller Malerei studiert hatte und ab 1889 lange Jahre eine Lithographiewerkstatt in Stuttgart betrieb. Seine eigentliche Leidenschaft galt aber der Industrie- und Landschaftsmalerei. Berühmt wurden seine Darstellungen von Hammerschmieden. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tod 1931 widmete er sich ganz der Malerei.

Er stellt die Situation bei einem Ausflug in die Umgebung seiner alten Heimatstadt so dar, wie sie sich auch den erwerbslosen ersten 50 Siedlern der „Stadtrandsiedlung“ Sirnau wohl noch geboten hat, die im Frühjahr 1932 mithalfen, ihre staatlich geförderten Häuser zu errichten: Mitten im ergrünenden Neckartal liegt zwischen blühenden Bäumen und vor dem bewaldeten Hang das ummauerte Hofgut mit den mächtigen Bauresten der ehemaligen Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. Es ist so einsam und wehrhaft wie seit 400 Jahren. Die Felder und Wiesen und die vor den Winden schützenden Pappeln sind auch für den heutigen Spaziergänger noch gut zu sehen, wenn er am Ostrand der Siedlung Sirnau mit der dröhnenden B 10 im Rücken nach Süden schaut und die belebten Straßen rundherum und das Industriegebiet zu seiner Rechten ausblendet, das sich bis nach Deizisau hinzieht. Stille gibt es hier, wie fast überall am mittleren Neckar, kaum mehr, aber immer noch strahlt das Hofgut etwas von seiner vorindustriellen Bedeutung und der längst vergangenen Einsamkeit in der Talaue aus.

März 2019 - Hafnerfirma Christian Geiger, Teetasse mit Untertasse


Hafnerfirma Christian Geiger
Teetasse mit Untertasse
Porzellanmanufactur Bauer & Pfeiffer, Schorndorf
1920-1934
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005862)

Fotografie: Michael Saile

Die Gestaltung der Tasse ist schlicht, aber dennoch fällt ihr farbiges Blumenmuster auf. Die Formensprache der Blumen nähert sich dem Stil des Art déco (1920er-1930er Jahre), ohne dabei zu modern zu wirken. Dabei ist ein prächtiges Farbarrangement der Porzellanmalerei zwischen Gelb, Orange und Blau entstanden. Goldränder am Ohrenhenkel, am oberen Tassenrand und am äußeren Untertassenrand veredeln den stimmigen Gesamtauftritt des Keramikproduktes. Die Farbe Gold findet sich ebenfalls auf der Unterseite der Tasse wieder. Dort stehen in goldenen Lettern die Signatur des Herstellers und des Verkäufers. Es ist ein Logo von zwei ineinander geschlungenen und bekrönten Buchstaben („bekrönte Ligatur“), die unter sich ein und-Zeichen beherbergen: B&P. Darunter wird die Herkunft klar deklariert: WÜRTTEMBERG. Zusätzlich ziert darüber der Namensschriftzug eines Esslinger Händlers namens Christian Geiger die Unterseite der Keramiktasse. B&P – das steht für die Porzellanmanufactur Bauer und Pfeiffer in Schorndorf, die von 1904 bis 1934 bestand. Im Verlauf nannte sich das Unternehmen in „Württembergische Porzellan-Manufactur“ um und wurde zu einer Aktiengesellschaft. Da in der Zeit des Ersten Weltkrieges die Porzellanproduktion zum Erliegen kam und sich das Tassendesign am Art déco orientiert, stammt es vermutlich aus den 1920er bis frühen 1930er Jahren. Die Teetasse wurde anscheinend nur selten benutzt. Teetrinken, im Gegensatz zum Kaffee, war in Süddeutschland zur damaligen Zeit eher unüblich.
 
Der Händler des Porzellanproduktes Christian Geiger war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Küferstraße 28 in Esslingen sesshaft. Als Hafnermeister bot er Glas, Porzellan, Steingutwaren, Öfen und Herde an. Darüber hinaus führte er ab 1933 ein Haushaltsgeschäft, das seinen Sitz in der Küferstraße 13 hatte. Es scheint so, als hätte Geiger bei der Schorndorfer Manufaktur das Porzellan in Auftrag geben lassen und die Manufaktur hat im Gegenzug die Häfnerei oberhalb ihres Logos hinzugefügt. Das ist sehr wahrscheinlich, da die Signatur des Herstellers und des Händlers aus einem Guss zu stammen scheinen. Heute mutet der Beruf des Hafners gerade für die junge Generation fremd und exotisch an. Die Arbeit lässt sich grob in die Bereiche des Ofen- und Kaminbauens und der Töpferei einordnen. In Geigers Familie hatte die Beschäftigung als Hafner nachweislich eine Tradition. Es war bereits die dritte Generation seiner Familie, die als Hafner ihr Geld verdiente. Seinen eigenen Laden gründete er um das Jahr 1894. Auch sein Sohn Otto Geiger sollte ab 1934 die Familientradition fortführen. Da dieser allerdings keine Nachkommen hatte, führte er den Betrieb bis zu seinem Ableben 1953. Nach seinem Tod wurde das Familienunternehmen von seiner Gattin unter dem Namen „Hedwig Geiger, Ofen- und Herdgeschäft“ (Neulieferungen, Reinigungen, Reparaturen sowie Ersatzteile) bis 1960 weitergeführt. Da kein geeigneter Nachfolger gefunden werden konnte, kam es daraufhin zur endgültigen Schließung des Ladens.
 
Porzellangeschirr kann heute in Deutschland auf eine verhältnismäßig kurze Tradition zurückblicken. Die Feinkeramik stammt aus China, wo sich Porzellan im heutigen Sinne schon seit 600 n. Chr. belegen lässt. Etwa zeitgleich lassen sich dort die ersten Tassen nachweisen. Es sollte bis in das 17. Jahrhundert andauern bis die ersten Keramiktassen in Folge der ersten Teelieferungen durch portugiesische Händler nach Europa importiert wurden. Das Wort „Tasse“ hat sich über das Französische als arabisches Lehnwort auch im Deutschen eingebürgert (tas, tas(s)a = Schälchen, Napf). Erst Anfang des 18. Jahrhunderts etablierte sich im deutschen Raum ein selbst vor Ort hergestelltes Porzellan, das zu Beginn vor allem in Dresden und Meißen hergestellt wurde. Im 20. Jahrhundert gelang dem Porzellan – je nach Sichtweise – der Aufstieg oder Niedergang zur Massenware. Somit ist Porzellan heutzutage nicht mehr allein den wohlbetuchten Leuten vorbehalten, sondern ist für die breite Masse erschwinglich geworden.

Februar 2019 - Glaskaraffe von Friedrich Wilhelm Spahr


Friedrich Wilhelm Spahr:
Silberbelegte Glaskaraffe
Spahr & Co. Silberbelagwaren-Fabrik, Schwäbisch Gmünd
um 1955

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005866)

 

Fotografie: Michael Saile

Eine kleine grünliche Glaskaraffe, im Corpus weit ausladend und mit geschwungenen Silberstreifen verziert. Wahrscheinlich für ein Achtel Liter Hochprozentiges.
 
Die nur 11,5 cm hohe Likörkaraffe mit dem eingeschliffenen Glasstöpsel ist von acht s-förmig geschwungenen und asymetrisch geteilten an- und abschwellenden Silberbändern umschlungen, die unten in einem Bodenring enden und oben in den Hals und die Schnauze der Karaffe münden. Diese sind, wie der gläserne Henkel der Karaffe auf seiner Außenseite, aus Silber.
 
Schaut man ein wenig genauer hin, sieht man, dass der Silberüberzug nicht über das Glas gezogen, sondern fest mit ihm verbunden ist. Solche Silber-verzierten Gegenstände aus Porzellan oder Glas, die man heute als Silberoverlay bezeichnet, waren ab Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland unter der Bezeichnung Silberbelagware schick geworden. Der Pforzheimer Friedrich Deusch hatte sie maßgeblich entwickelt und ab 1901 in Schwäbisch Gmünd vervollkommnet, wo er auch 1912 seine – bis heute existierende – Metallporzellanfabrik Deusch & Co. für derartige Luxusartikel gegründet hat.
 
Einer seiner begnadetsten Lehrlinge war vermutlich der am 31.3.1900 in Esslingen geborene Friedrich Wilhelm Spahr, Sohn des aus Schwaikheim stammenden Kaufmanns Wilhelm Spahr aus der Mettinger Straße 101.
 
Die Schwierigkeit bei der Herstellung dieser aus zwei völlig unterschiedlichen Materialien bestehenden Objekte bestand darin, das Silber in einem galvanischen Bad mit der gläsernen Oberfläche zu verbinden. Das geschah, indem man die Glasflächen ganz präzise genau dort aufraute, die nachher mit Silber überzogen werden sollten. Danach bestrich man diese Flächen mit einer metallhaltigen Paste, die fähig war Strom zu leiten. Alle anderen Flächen musste man dabei perfekt abdecken. Die Genauigkeit dieser Vorarbeit entschied über die Qualität des Resultats, das dann in einem bis zu 30stündigen galvanischen Bad in einer Silberlösung erreicht wurde und den fühlbar dicken reinen Silberauftrag bewirkte. Die Muster konnten so frei sein, wie sie wollten, mussten aber zusammenhängen, damit der Stromfluss durch alle Teile und damit ihr gleichmäßig starker Aufbau garantiert waren.
 
Die wegen des Aufwandes an Präzision und Sorgfalt in der Regel ziemlich teuren und daher oft in Juweliergeschäften verkauften Vasen, Schalen oder Geschirrteile hatten großen Erfolge ab der Zeit des Art déco im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die flächige und klare moderne Gestaltung lässt sich auch an der kleinen Karaffe ablesen. Sie vermied Zwischentöne, indem auf den Porzellan- oder Glasuntergrund das damit in Materialität und Farbe kontrastierende Silbermuster flächig aufgebracht wurde. Es gab keine Materialvermengungen. Bei manchen Gegenständen ist die Silberfläche zusätzlich zart graviert worden. Eine besondere Schwierigkeit stellen auch die gewölbten und kleinen Flächen dar, die eine Übernahme eines Rapports aus einer Vorzeichnung auf Papier schwer machen.
 
Friedrich Wilhelm Spahr hatte sich 1937 in Schwäbisch Gmünd in der Gemeindehausstraße 6 selbständig gemacht und vier Jahre lang mit etwa 40 Mitarbeitern – Galvaniseure, Graveure, Email- und Porzellanmaler - produziert, bevor seine Firma um 1940 herum aus den Akten verschwand; vermutlich war sie als nicht kriegswichtig eingestuft und geschlossen worden.
 
Spahr ist 1953 rückwirkend als am 31.3.1945 verstorben erklärt worden – wahrscheinlich ist er im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Seine Witwe Erika, geb. Daibler, hat die Firma nach dem Krieg bis 1959 weitergeführt. Dabei hat sie viele von Spahrs Entwürfen weiter produziert, aber auch neue ins Sortiment gebracht. Die kleine Karaffe gehört mit ihrem schräg abschließenden Hals mit hoher Wahrscheinlichkeit in diese zweite Phase der Spahr’schen Manufaktur.

Januar 2019 - Metallwarenfabrik Quist: Geschenkset "Variomaster"


Geschenkset „Variomaster“-Kerzenständer
3 Kerzenständer mit Originalverpackung
Metallwarenfabrik F. W. Quist
um 1970
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005551)

Fotografie: Michael Saile


Gerätschaften für den festlich gedeckten Tisch waren in der über 100jährigen Zeit ihres Bestehens DAS Produkt der Metallwarenfabrik F. W. Quist. Gegründet wurde sie als „Lackier- und Metallwaarenfabrik“ 1866 durch Jakob Schweizer (jun.). Als die Firma 1886 in „Actien-Plaqué-Fabrik“ umbenannt wurde, war einer der Firmeninhaber schon der in Holstein geborene Friedrich Wilhelm Quist (1831-1903), der ab 1896 Alleininhaber war. Von nun an blieb die Metallwarenfabrik F.W. Quist bis zu ihrem Konkurs 1981 in Familienbesitz.

Die Jahre seit 1966 sind durch den Versuch gekennzeichnet, mit Hilfe neuer Produktlinien und risikofreudigen unternehmerischen Entscheidungen die Zukunft der Firma zu sichern. Dabei sorgte 1971 die Ankündigung der Firma Quist, dass sie mehr als 25 Prozent der Anteile an der Geislinger Konkurrenzfirma WMF erworben hatte, für große Überraschung. Mit diesem Schritt wollte die Esslinger Firma eine Kooperation erzwingen, beispielsweise um ihre Waren in den Markenläden der WMF verkaufen und gemeinsam Material einkaufen zu können. Diese Strategie ging allerdings nicht auf, da sich die Rahmenbedingungen für die Einflussnahme im Nachhinein als deutlich anders herausstellten, als man beim Erwerb der Aktien angenommen hatte. Auch eine geplante Verlegung der Produktion nach Fernost konnte nicht realisiert werden.

Gleichzeitig hatte sich der Markt für die bisherigen Produkte aus versilbertem Metall einschneidend verändert. Die seit Jahrzehnten eingeführten Firmenerzeugnisse fanden seit Ende der 1960er Jahre immer weniger Absatz, da sie den geänderten Geschmacksvorstellungen der Käufer nicht mehr entsprachen. Hinzu kam die Konkurrenz durch billige Importe aus Fernost. Dieser allgemein in der Branche spürbaren Entwicklung entging beispielsweise die italienische Firma „Alessi“, indem sie konsequent auf gutes Design setzte und sich dank dieser Strategie zu einer Weltmarke entwickelte.

So zeigt die Produktpalette der Firma Quist in dieser Zeit einen starken Wandel. Die angebotenen Artikel wurden immer vielfältiger, aber auch beliebiger. So gibt es neben eher rustikal anmutenden Erzeugnissen aus Zinn und firmeneigenen Metalllegierungen wie „Quistal“, durchaus auch Designentwürfe auf hohem gestalterischem Niveau, wie beispielsweise der Kugelaschenbecher „Smokny“ oder die kugelförmigen Salz- und Pfefferstreuer. Daneben finden sich zahlreiche reine Geschenkartikel im Sortiment. Verstärkt griff man jetzt auch die seit den 1950er Jahren sich immer weiter verbreitende „Partykultur“ auf und produzierte unter dem Namen „Quist-Party-Geräet“ Produkte vom Cocktail-Shaker über den Erndnussspender bis zum „Party-Apfel“.

Zu diesen Lifestyle-Produkten gehört auch der als „Variomaster – das moderne Leuchter-Stecksystem“ bezeichnete Kerzenständer. Diesen gab es „vernickelt“, „verkupfert“ und „versilbert“. Im zeitgemäßen Design konnte der stolze Besitzer mit Hilfe eines einfachen Stecksystems je nach Anzahl der zur Verfügung stehenden Kerzenständer unterschiedlichste Leuchter-Kreationen zusammenfügen. Ähnlich wie bei einem Modelleisenbahn-Starterset ermöglicht die gezeigte aufwendige Geschenkpackung mit drei Kerzenständern erste einfache Leuchter-Kombinationen. Vermutlich spekulierten die Hersteller bei diesem Produkt auch darauf, dass der Sammeltrieb der Kunden geweckt wurde und sie noch viel mehr dieser Kerzenständer besitzen wollten. Dies suggeriert schon allein das auf der Verpackung abgebildete Foto, das eine glückliche Besitzerin hinter einer Leuchter-Installation mit deutlich mehr als nur drei Steckleuchtern zeigt. Damit der Spaß auch sofort beginnen konnte, lagen der Packung noch passende Kerzen aus zeittypischem orangenem Wachs bei.

Wie viele andere Gegenstände der späten Quist-Produktion fand die Geschenkpackung ihren Weg über das Internet ins Stadtmuseum. Auffällig ist dabei, dass viele dieser für wenig Geld erworbenen Produkte der 1970er Jahre durchaus auch Hinweise auf ihre Akzeptanz beim Kunden geben können. So zeigte sich bei vielen dieser Neuanschaffungen, die sich sicher niemals hätten träumen lassen einmal in einer Museumssammlung zu sein, dass sie noch in der originalen Verpackung und häufig sogar in Kunststoff eingeschweißt verkauft wurden. Auch zeigen sie oft keinerlei Gebrauchsspuren und auch im Fall des Geschenksets sind weder Wachsreste auf den Kerzenständern vorhanden noch fehlt eine der neun mitgelieferten Kerzen. Dies zeigt deutlich, dass der Vorbesitzer, der dieses Set vermutlich – vielleicht sogar zu Weihnachten – geschenkt bekommen hatte, nur wenig Begeisterung aufbringen konnte und keine Verwendung dafür hatte. Doch das Geschenk umzutauschen – wie jetzt nach den Festtagen häufig geschehen wird – war anscheinend auch keine Alternative. Erst die Möglichkeit, es im Internet zu versilbern, brachte diesen Gegenständen wohl erstmals einen praktischen Nutzen für ihre Besitzer.

Nach dem Konkurs der Metallwarenfabrik F. W. Quist 1981 erwarb die Bayerische Metallwarenfabrik in Nürnberg die Marke „Quist“ und damit auch die Berechtigung, bisher von der Esslinger Firma hergestellte Produkte zu fertigen. Zu diesen gehören in leichten Abwandlungen auch Steckkerzenleuchter.

Dezember 2018 - Irma von Pfannenberg: Vom Christkind und seinen Trabanten

Irma von Pfannenberg:
Vom Christkind und seinen Trabanten
Verlag J. F. Schreiber, Esslingen und München
5. Auflage, um 1950
(J. F. Schreiber-Museum, JFS 000189)

Eine verschneite Innenstadt, Sterne, ein festlich geschmückter Tannenbaum mit brennenden Kerzen, singende und Trompete spielende Engel sowie das Christkind. Schon während des Betrachtens der Titelseite „Vom Christkind und seinen Trabanten“ wird eine feierlich weihnachtliche Stimmung allgegenwärtig. Aufgebaut ist das um 1915 entstandene Kinderbuch mit jeweils einer Textseite links und einer Bildseite rechts. Der Erzähltext wurde in Paarreimen verfasst. Blau und Gelb akzentuieren durchweg die Komposition der farbigen mit Feder gezeichneten Bilder. Die Handlung des 18 seitigen Buches aus dem J. F. Schreiber-Verlag spielt in der Weihnachtszeit: das Christkind macht sich auf, die Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Dabei wird es durch Engel in Kindergestalt unterstützt: die „Trabanten“. Zu Beginn der Geschichte lauscht Petrus an der Himmelspforte den ersten Weihnachtswünschen einiger Kinder und erklärt ihnen, dass alle Kinder ihre Wunschzettel schreiben sollen. Nachdem die Engel die Zettel von der Erde abgeholt haben, liest das Christkind sämtliche Wünsche. Nun bringen die Boten die Geschenke auf die Erde herab. Seite für Seite werden gewöhnliche Spielwaren aber auch Kriegsspielzeug vorgestellt. Schließlich treffen die himmlischen Boten auf der Erde ein. Kaum ist ihr Werk getan, begeben sie sich wieder gen Himmel. Am Ende des Rückwegs hilft ihnen Petrus zurück und die Sonne, verkörpert als Frau, bemuttert die emsigen Boten. Das Buch zeichnet sich durch liebevoll gezeichneten Figuren und passend kindgerechte Kolorierung aus. Der gebürtigen Ostpreußin Irma von Pfannenberg (1876-1950) ist es gelungen, mit ihren Illustrationen und Versen in einfacher Sprache ein weihnachtliches Flair zu versprühen. Über die Autorin ist nur weniges bekannt. Pfannenberg, eigentlich auf Landschaftsmalerei spezialisiert und Malereilehrerin für Akt, hatte ihren Wirkungsort in Weimar. An der Großherzoglichen-Sächsischen Kunstschule wurde sie u.a. von Sascha Schneider (Illustrator der ersten Karl-May-Bücher) unterrichtet. Pfannenbergs „Christkind“ wurde mehrmals wiederaufgelegt (das Exponat stammt aus der 5. Auflage). Der Sprung in die Riege der literarischen Weihnachtsklassiker gelang dem Buch dennoch nicht.Die Erzählung spiegelt den Zeitgeist um 1900 wider. Debatten, ob Kriegsspielzeug pädagogisch verwerflich ist, gab es damals noch nicht. Zugleich wirkt die verwendete Sprache bei Worten wie „Aeroplan“ für ein Flugzeug überholt. Was jedoch heute am meisten befremdet: Keines der Geschenke in der Erzählung wurde eingepackt. Angesichts der aktuellen Müllflut weltweit, könnte das Buch eine Anregung für einen bewussteren Umgang mit Verpackungen sein. Viele Kinder von heute dürfte verwirren, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke verteilt. Doch selbst in der Vergangenheit war das Christkind nie der einzige Gabenbringer im deutschen Sprachraum. Das Christkind als Geschenkeverteiler entstand nach der Reformation, da die Protestanten Heiligenverehrungen klar ablehnten. Zuvor gab es Geschenke in der Weihnachtszeit nur für Kinder, die der Heilige Nikolaus verteilte. Der Christkindsbrauch wurde in den letzten Jahrhunderten von den Katholiken übernommen, wogegen in protestantischen Gegenden wie Mittel- und Norddeutschland der Weihnachtsmann seinen Siegeszug antrat. Die Bedeutung des Christkindes hat jedenfalls in den vergangenen Jahrzehnten spürbar nachgelassen. Kurzum, das Buch ist unterhaltsam und ein kostbares Zeitzeugnis, aus einer Zeit, in der Weihnachtsmann und Massenkonsum in Deutschland noch keine nennenswerte Relevanz besaßen.

Die Objekte des Monats von August 2014 bis November 2018 unter dem Motto "52x Esslingen und der Erste Weltkrieg" finden Sie im "52x-Archiv".

Juli 2014 - Brief von Johan Schmid anlässlich der Pestepidemie 1521

Brief von Johann Schmid als einziges Zeugnis der Pestepidemie 1521
(Stadtarchiv Esslingen, Bestand Reichsstadt, Fasz. 223 Nr. 2)

Pestepidemien gab es seit dem ausgehenden Mittelalter in regelmäßigen Abständen. Ihren Ausgang nahmen sie im 14. Jahrhunderts mit der Pandemie des Schwarzen Todes. Ihr fiel rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung in Europa zum Opfer. Welche Krankheit die Menschen tatsächlich befiel, ist meist nicht mehr zu ermitteln. Es muss nicht die heute bekannte Pest gewesen sein. Die Menschen nutzten den Begriff auf andere Weise. Er galt als Oberbegriff für ein schweres Sterben wie auch eine Seuche sui generis, die eine spezielle Ursachendeutung erfuhr. Man sah als Krankheitsursache eine Strafe Gottes für den sündhaften Lebenswandel der Menschen. Auch Ursachen aus der Natur gab es: Bestimmte Planetenkonstellationen riefen verunreinigte, krankmachende Luft (Miasma) hervor. Stinkende Dinge wie Mist, heimliche Gemächer oder Leichen vergifteten die Luft. Auch sei eine Ansteckung durch Krankheitskeime (Contagien) möglich.

Für die Auseinandersetzung mit Epidemien in der Geschichte ist diese Sichtweise zu berücksichtigen. Die damaligen Vorstellungen waren die Grundlage für das Handeln der Menschen. Die Obrigkeit versuchte mit Seuchenordnungen die Ausbreitung der Seuchen zu verhindern. Dies hatte Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Aber auch unabhängig davon versuchten sich die Menschen vor der Pestilenz zu schützen. Sie reinigten die Luft mittels Räucherungen oder verließen verseuchte Orte. Diese war eine typische Verhaltensweise bei Epidemien. Insbesondere Kinder sollten durch einen Ortswechsel geschützt werden.
Esslingen, wo es seit 1472 regelmäßig Epidemien gab, wurde bei Seuchen von den Menschen zur Vorbeugung einer Infektion ebenfalls gemieden. Der neue Schulmeister der Lateinschule, Johann Schmid, berichtet im Herbst 1521 in einer Bittschrift an den Rat über die Zustände in der Schule und das Verhalten einiger Bürger. Zugleich gibt er einen Blick auf seine Einschätzung der Lage. Dieses Gesuch ist der einzige direkte Beleg für die Epidemie in Esslingen 1521.

Bevor er seinen Dienst antrat, hatte er erfahren, dass eine Seuche in der Stadt grassierte. Über ihr Ausmaß lässt sich nur spekulieren; das Seuchenjahr 1521 gilt jedoch allgemein als vergleichsweise schwere Heimsuchung. Aufgrund der Krankheit liege die Schule brach und die Auswirkungen der Seuche behinderten den Schulbetrieb. Viele Familien waren aus Esslingen geflohen. Der Schulmeister sah aber vor allem eine Gefahr für die eigene Gesundheit. Seine Begründung beruht auf der Vorstellung, dass die Luft in der Stadt vergiftet sei und eine krankheitserregende Wirkung habe. Daher bedeute eine Übersiedlung nach Esslingen ein besonderes Risiko. So ersuchte er den Rat, ihn bis zur Besserung der Lage außerhalb der Stadt wohnen zu lassen. Problematisch war der Umstand, dass nicht alle Schüler der Schule fernblieben oder geflohen waren. Einige Eltern bestanden weiter auf dem Unterricht. Um dies zu ermöglichen, schlug Johann Schmid vor, für die Dauer seiner Abwesenheit einen Stellvertreter einzustellen. Ob es hierzu kam, ist ungewiss. Der Rat entsprach aber dem Gesuch und stellte ihn frei.

Die Freistellung von Amtsträgern sollte sich nach 1521 ändern. Nun durften Amtsträger in Seuchenzeiten die Städte nicht mehr verlassen.

Juni 2014 - Großes ABC-Buch, um 1850

Großes ABC-Buch, Mitte des 19. Jahrhundert
Druck und Verlag von J.F. Schreiber, Esslingen
(JFS 000918)

Dieses großformatige, 18-seitige Buch ist ein wahrhaft unbeschwert unterhaltsames Exemplar eines ABC-Buches. Die wenigen und kurzen Texte sind durchweg harmlos bis lustig und selten moralisch gemeint. Das Zielpublikum muss man sich sehr jung vorstellen und in Begleitung eines allwissenden Erwachsenen.

Auf einer Doppelseite findet der angehende Leser und Schreiber drei kolorierte Abbildungen und auf der anderen Seite Worte, Schreibübungen und Reime. Die Schreibübungen sind in der damals üblich deutschen Kurrentschrift zu sehen. Diese Übungsseiten haben immer einen Schmuckrahmen. Die 26 Buchstaben des Alphabets werden einzeln mit dem kolorierten Bild erläutert. Gerne sind es Tiere, einheimische wie exotische, aber auch so ungewöhnliche Dinge wie „Chinese“, „Quarz“, oder „Vulkan“ kommen vor. Das kleine Erläuterungsbild wird umrahmt mit dem farbig gestalteten Buchstaben in Fraktur-, deutscher Kurrentschrift und lateinischer Druckschrift zusätzlich in Groß- und Kleinschreibung. Gegenüber wird dann geübt: Die Anlautierungen wie „d o“, „o-der“, „mo-de …“ helfen den Leseanfängern ein Gefühl für das gelesene Wort zu bekommen. Die meist drei Zeilen werden dazu genutzt, die deutsche Kurrentschrift zu lernen. Die Schreibzeile wiederholt die obere Zeile, aber nicht in der vollständigen Länge. Mit kurzen Reimen, Rätseln oder kleinen Scherzen wird die Lerneinheit abgeschlossen.
 
Das Prinzip des ABC-Buchs ist die Kombination von schriftlicher Darstellung von Anlauten und bildlicher Darstellung von einem oder mehreren Gegenständen, Tieren oder Personen. Anhand des ABC-Buchs sollten Kinder Lesen, Schreiben und Verstehen lernen. Die Anlautiermethode ist eine Überlegung der Pädagogen des 19. Jahrhunderts. Es ist eine bis heute viel diskutierte Methode des Lernens.

Die Geschichte der ABC-Bücher beginnt schon im 16. Jahrhundert. Damals wurden die ersten ABC-Bücher als Lernmittel gebraucht oder auch zur religiösen Unterweisung eingesetzt. Oft moralisierende Holzschnitte veranschaulichten damals schon Begriff und Text. Das ABC-Buch verliert mit der Einführung der Schulpflicht seine eigentliche Funktion und wird ab diesem Zeitpunkt in der Vorschule oder im privaten Unterricht eingesetzt. Erkennungszeichen bleibt aber die alphabetische Anordnung. Im 19. Jahrhundert lösen sachliche Texte mit unterhaltenden Reimen, die moralisierenden Reime ab. Seit den 1830er Jahren wurden die Kinder von den Erwachsenen angewiesen so Schriften zu entschlüsseln und aus Texten zu lernen. Die Jungen und Mädchen sollten über die gelesenen Texte die Sprach- und Denkfähigkeit schulen, Sachwissen erwerben und eine moralische Orientierung erhalten.
 
Das Prinzip des ABC-Buchs findet man bis heute in den Fibeln der Grundschulen, es wird immer noch zum Lesenlernen verwendet.

Mai 2014 - Albert Benz, Entwurf zur Esslinger Burg, um 1904

Albert Benz,
Entwurf zum Ausbau der Esslinger Burg, ca. 1904
(Stadtarchiv Esslingen, NL Benz 9)

Der Architekt Albert Benz (1877-1944) hat eine ganze Reihe Esslinger Gebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts in historisierendem Sinn restauriert, u.a. das Kessler-Haus und die ehem. Franziskanerkirche. Auch für die sog. „Burg“ hat er ein Projekt erarbeitet. In seinem Nachlass, der im Stadtarchiv verwahrt wird, findet sich eine hübsche aquarellierte Federzeichnung, die dieses Projekt in einer Vogelschauansicht zeigt. Benz wollte die teilweise ruinösen Befestigungsanlagen im Sinne einer spätmittelalterlichen Festung rekonstruieren. Auf dem Kanonenbuckel, einer Artilleriestellung im Norden der Anlage, plante er ein großes steinernes Gebäude. Es sollte eine neue Burggaststätte beherbergen und hätte in seiner erhöhten Position in der Fernansicht die „Burg“ deutlich dominiert. Schon 1887 hatte man den Dicken Turm als Aussichtsturm mit einem neuen Abschluss versehen. Benz, der seine Idee 1908 in der „Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsass-Lothringen“ publizierte, sah einen umfassenden Restaurationsbetrieb vor. Die heutige Burgschänke sollte durch eine Kegelbahn mit dem Oberen Turm verbunden werden, dieser über den rekonstruierten Wehrgang mit dem Dicken Turm. Dass Benz die Burg nicht nur als Tourismusmagnet, sondern auch als Naherholungsraum für die Esslinger verstand, zeigt die Einzeichnung eines Tennisplatzes. Solche Tennisplätze unter freiem Himmel erfreuten sich um 1900 großer Beliebtheit, einer der ersten auf dem Kontinent war 1898 für englische Kurgäste in Bad Homburg entstanden.

Benz sucht sich in seinem Entwurf in den Geist der Anlage einzufühlen, möglichst exakt die Befestigungsanlagen des 16. Jahrhunderts in ihrem angenommenen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Wie sein ungleich berühmterer Zeitgenosse, der Berliner Architekt und Burgenforscher Bodo Ebhardt, hatte er sich einem wissenschaftlichen Historismus verschrieben, der bis ins Detail historische Bauformen nachahmte. Die Rekonstruktion von Burgen war um 1900 nicht ungewöhnlich. Die Hohkönigsburg Ebhardts im Elsass ist eines der vielleicht bekanntesten Beispiele. Dahinter stand ein zeittypisches Burgenbild, das eine vermeintlich heroische Vergangenheit heraufbeschwören wollte und ein eigenständiges Mittelalterbild in der Tradition der deutschen Romantik entwarf.

Auch Benz versuchte sich, u.a. auf Hohenbeilstein, an solchen Bauprojekten. Beilstein blieb allerdings unvollendet, weil der Auftraggeber verstarb, und dem visionären Esslinger Entwurf dürften die Stadtväter skeptisch gegenüber gestanden haben. Er hätte die Burg um das ergänzt, was ihr so offensichtlich fehlt: ein herrschaftlicher Wohnbau, den Benz in den Formen des frühen 16. Jahrhunderts mit hohem Staffelgiebel entwarf. Tatsächlich aber war die 1314 erstmals erwähnte Burg nie Adelssitz, sondern lediglich ein stark ausgebauter Bereich der Esslinger Stadtbefestigung an der besonders gefährdeten Nordseite der Stadt.


Info

Wechselausstellungen

Am Dienstag, 10. Dezember sind das J. F. Schreiber-Museum und das Stadtmuseum im Gelben Haus wegen einer internen Veranstaltung geschlossen.

Mechanische Tierwelt

Plakat der Ausstellung "Mechanische Tierwelt" mit einem Foto eines alten Blechspielzeugs, einem Affen

1. Dezember 2019 - 1. März 2020  Stadtmuseum im Gelben Haus
 

Viele Teile, eine Stadt! Gemeinsam Stadt(teil)geschichten entdecken

Plakat des Projektes "Viele Teile, eine Stadt" mit einem schematischen Stadtplan mit eingezeichneten Stadtteilen

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