Objekt-Archiv

Unsere Objekte vergangener Monate

Hier finden Sie alle Historischen Schätze seit Mai 2014.
 

Januar 2019 - Geschenkset "Variomaster", Metallwarenfabrik F


Geschenkset „Variomaster“-Kerzenständer
3 Kerzenständer mit Originalverpackung
Metallwarenfabrik F. W. Quist
um 1970
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 005551)


Gerätschaften für den festlich gedeckten Tisch waren in der über 100jährigen Zeit ihres Bestehens DAS Produkt der Metallwarenfabrik F. W. Quist. Gegründet wurde sie als „Lackier- und Metallwaarenfabrik“ 1866 durch Jakob Schweizer (jun.). Als die Firma 1886 in „Actien-Plaqué-Fabrik“ umbenannt wurde, war einer der Firmeninhaber schon der in Holstein geborene Friedrich Wilhelm Quist (1831-1903), der ab 1896 Alleininhaber war. Von nun an blieb die Metallwarenfabrik F.W. Quist bis zu ihrem Konkurs 1981 in Familienbesitz.

Die Jahre seit 1966 sind durch den Versuch gekennzeichnet, mit Hilfe neuer Produktlinien und risikofreudigen unternehmerischen Entscheidungen die Zukunft der Firma zu sichern. Dabei sorgte 1971 die Ankündigung der Firma Quist, dass sie mehr als 25 Prozent der Anteile an der Geislinger Konkurrenzfirma WMF erworben hatte, für große Überraschung. Mit diesem Schritt wollte die Esslinger Firma eine Kooperation erzwingen, beispielsweise um ihre Waren in den Markenläden der WMF verkaufen und gemeinsam Material einkaufen zu können. Diese Strategie ging allerdings nicht auf, da sich die Rahmenbedingungen für die Einflussnahme im Nachhinein als deutlich anders herausstellten, als man beim Erwerb der Aktien angenommen hatte. Auch eine geplante Verlegung der Produktion nach Fernost konnte nicht realisiert werden.

Gleichzeitig hatte sich der Markt für die bisherigen Produkte aus versilbertem Metall einschneidend verändert. Die seit Jahrzehnten eingeführten Firmenerzeugnisse fanden seit Ende der 1960er Jahre immer weniger Absatz, da sie den geänderten Geschmacksvorstellungen der Käufer nicht mehr entsprachen. Hinzu kam die Konkurrenz durch billige Importe aus Fernost. Dieser allgemein in der Branche spürbaren Entwicklung entging beispielsweise die italienische Firma „Alessi“, indem sie konsequent auf gutes Design setzte und sich dank dieser Strategie zu einer Weltmarke entwickelte.

So zeigt die Produktpalette der Firma Quist in dieser Zeit einen starken Wandel. Die angebotenen Artikel wurden immer vielfältiger, aber auch beliebiger. So gibt es neben eher rustikal anmutenden Erzeugnissen aus Zinn und firmeneigenen Metalllegierungen wie „Quistal“, durchaus auch Designentwürfe auf hohem gestalterischem Niveau, wie beispielsweise der Kugelaschenbecher „Smokny“ oder die kugelförmigen Salz- und Pfefferstreuer. Daneben finden sich zahlreiche reine Geschenkartikel im Sortiment. Verstärkt griff man jetzt auch die seit den 1950er Jahren sich immer weiter verbreitende „Partykultur“ auf und produzierte unter dem Namen „Quist-Party-Geräet“ Produkte vom Cocktail-Shaker über den Erndnussspender bis zum „Party-Apfel“.

Zu diesen Lifestyle-Produkten gehört auch der als „Variomaster – das moderne Leuchter-Stecksystem“ bezeichnete Kerzenständer. Diesen gab es „vernickelt“, „verkupfert“ und „versilbert“. Im zeitgemäßen Design konnte der stolze Besitzer mit Hilfe eines einfachen Stecksystems je nach Anzahl der zur Verfügung stehenden Kerzenständer unterschiedlichste Leuchter-Kreationen zusammenfügen. Ähnlich wie bei einem Modelleisenbahn-Starterset ermöglicht die gezeigte aufwendige Geschenkpackung mit drei Kerzenständern erste einfache Leuchter-Kombinationen. Vermutlich spekulierten die Hersteller bei diesem Produkt auch darauf, dass der Sammeltrieb der Kunden geweckt wurde und sie noch viel mehr dieser Kerzenständer besitzen wollten. Dies suggeriert schon allein das auf der Verpackung abgebildete Foto, das eine glückliche Besitzerin hinter einer Leuchter-Installation mit deutlich mehr als nur drei Steckleuchtern zeigt. Damit der Spaß auch sofort beginnen konnte, lagen der Packung noch passende Kerzen aus zeittypischem orangenem Wachs bei.

Wie viele andere Gegenstände der späten Quist-Produktion fand die Geschenkpackung ihren Weg über das Internet ins Stadtmuseum. Auffällig ist dabei, dass viele dieser für wenig Geld erworbenen Produkte der 1970er Jahre durchaus auch Hinweise auf ihre Akzeptanz beim Kunden geben können. So zeigte sich bei vielen dieser Neuanschaffungen, die sich sicher niemals hätten träumen lassen einmal in einer Museumssammlung zu sein, dass sie noch in der originalen Verpackung und häufig sogar in Kunststoff eingeschweißt verkauft wurden. Auch zeigen sie oft keinerlei Gebrauchsspuren und auch im Fall des Geschenksets sind weder Wachsreste auf den Kerzenständern vorhanden noch fehlt eine der neun mitgelieferten Kerzen. Dies zeigt deutlich, dass der Vorbesitzer, der dieses Set vermutlich – vielleicht sogar zu Weihnachten – geschenkt bekommen hatte, nur wenig Begeisterung aufbringen konnte und keine Verwendung dafür hatte. Doch das Geschenk umzutauschen – wie jetzt nach den Festtagen häufig geschehen wird – war anscheinend auch keine Alternative. Erst die Möglichkeit, es im Internet zu versilbern, brachte diesen Gegenständen wohl erstmals einen praktischen Nutzen für ihre Besitzer.

Nach dem Konkurs der Metallwarenfabrik F. W. Quist 1981 erwarb die Bayerische Metallwarenfabrik in Nürnberg die Marke „Quist“ und damit auch die Berechtigung, bisher von der Esslinger Firma hergestellte Produkte zu fertigen. Zu diesen gehören in leichten Abwandlungen auch Steckkerzenleuchter.


Dezember 2018 - Irma von Pfannenberg: Vom Christkind und seinen Trabanten

Irma von Pfannenberg:
Vom Christkind und seinen Trabanten
Verlag J. F. Schreiber, Esslingen und München
5. Auflage, um 1950
(J. F. Schreiber-Museum, JFS 000189)

Eine verschneite Innenstadt, Sterne, ein festlich geschmückter Tannenbaum mit brennenden Kerzen, singende und Trompete spielende Engel sowie das Christkind. Schon während des Betrachtens der Titelseite „Vom Christkind und seinen Trabanten“ wird eine feierlich weihnachtliche Stimmung allgegenwärtig. Aufgebaut ist das um 1915 entstandene Kinderbuch mit jeweils einer Textseite links und einer Bildseite rechts. Der Erzähltext wurde in Paarreimen verfasst. Blau und Gelb akzentuieren durchweg die Komposition der farbigen mit Feder gezeichneten Bilder. Die Handlung des 18 seitigen Buches aus dem J. F. Schreiber-Verlag spielt in der Weihnachtszeit: das Christkind macht sich auf, die Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Dabei wird es durch Engel in Kindergestalt unterstützt: die „Trabanten“. Zu Beginn der Geschichte lauscht Petrus an der Himmelspforte den ersten Weihnachtswünschen einiger Kinder und erklärt ihnen, dass alle Kinder ihre Wunschzettel schreiben sollen. Nachdem die Engel die Zettel von der Erde abgeholt haben, liest das Christkind sämtliche Wünsche. Nun bringen die Boten die Geschenke auf die Erde herab. Seite für Seite werden gewöhnliche Spielwaren aber auch Kriegsspielzeug vorgestellt. Schließlich treffen die himmlischen Boten auf der Erde ein. Kaum ist ihr Werk getan, begeben sie sich wieder gen Himmel. Am Ende des Rückwegs hilft ihnen Petrus zurück und die Sonne, verkörpert als Frau, bemuttert die emsigen Boten. Das Buch zeichnet sich durch liebevoll gezeichneten Figuren und passend kindgerechte Kolorierung aus. Der gebürtigen Ostpreußin Irma von Pfannenberg (1876-1950) ist es gelungen, mit ihren Illustrationen und Versen in einfacher Sprache ein weihnachtliches Flair zu versprühen. Über die Autorin ist nur weniges bekannt. Pfannenberg, eigentlich auf Landschaftsmalerei spezialisiert und Malereilehrerin für Akt, hatte ihren Wirkungsort in Weimar. An der Großherzoglichen-Sächsischen Kunstschule wurde sie u.a. von Sascha Schneider (Illustrator der ersten Karl-May-Bücher) unterrichtet. Pfannenbergs „Christkind“ wurde mehrmals wiederaufgelegt (das Exponat stammt aus der 5. Auflage). Der Sprung in die Riege der literarischen Weihnachtsklassiker gelang dem Buch dennoch nicht.Die Erzählung spiegelt den Zeitgeist um 1900 wider. Debatten, ob Kriegsspielzeug pädagogisch verwerflich ist, gab es damals noch nicht. Zugleich wirkt die verwendete Sprache bei Worten wie „Aeroplan“ für ein Flugzeug überholt. Was jedoch heute am meisten befremdet: Keines der Geschenke in der Erzählung wurde eingepackt. Angesichts der aktuellen Müllflut weltweit, könnte das Buch eine Anregung für einen bewussteren Umgang mit Verpackungen sein. Viele Kinder von heute dürfte verwirren, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke verteilt. Doch selbst in der Vergangenheit war das Christkind nie der einzige Gabenbringer im deutschen Sprachraum. Das Christkind als Geschenkeverteiler entstand nach der Reformation, da die Protestanten Heiligenverehrungen klar ablehnten. Zuvor gab es Geschenke in der Weihnachtszeit nur für Kinder, die der Heilige Nikolaus verteilte. Der Christkindsbrauch wurde in den letzten Jahrhunderten von den Katholiken übernommen, wogegen in protestantischen Gegenden wie Mittel- und Norddeutschland der Weihnachtsmann seinen Siegeszug antrat. Die Bedeutung des Christkindes hat jedenfalls in den vergangenen Jahrzehnten spürbar nachgelassen. Kurzum, das Buch ist unterhaltsam und ein kostbares Zeitzeugnis, aus einer Zeit, in der Weihnachtsmann und Massenkonsum in Deutschland noch keine nennenswerte Relevanz besaßen.


Die Objekte des Monats von August 2014 bis November 2018 unter dem Motto "52x Esslingen und der Erste Weltkrieg" finden Sie im "52x-Archiv".

Juli 2014 - Brief von Johan Schmid anlässlich der Pestepidemie 1521

Brief von Johann Schmid als einziges Zeugnis der Pestepidemie 1521
(Stadtarchiv Esslingen, Bestand Reichsstadt, Fasz. 223 Nr. 2)

Pestepidemien gab es seit dem ausgehenden Mittelalter in regelmäßigen Abständen. Ihren Ausgang nahmen sie im 14. Jahrhunderts mit der Pandemie des Schwarzen Todes. Ihr fiel rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung in Europa zum Opfer. Welche Krankheit die Menschen tatsächlich befiel, ist meist nicht mehr zu ermitteln. Es muss nicht die heute bekannte Pest gewesen sein. Die Menschen nutzten den Begriff auf andere Weise. Er galt als Oberbegriff für ein schweres Sterben wie auch eine Seuche sui generis, die eine spezielle Ursachendeutung erfuhr. Man sah als Krankheitsursache eine Strafe Gottes für den sündhaften Lebenswandel der Menschen. Auch Ursachen aus der Natur gab es: Bestimmte Planetenkonstellationen riefen verunreinigte, krankmachende Luft (Miasma) hervor. Stinkende Dinge wie Mist, heimliche Gemächer oder Leichen vergifteten die Luft. Auch sei eine Ansteckung durch Krankheitskeime (Contagien) möglich.

Für die Auseinandersetzung mit Epidemien in der Geschichte ist diese Sichtweise zu berücksichtigen. Die damaligen Vorstellungen waren die Grundlage für das Handeln der Menschen. Die Obrigkeit versuchte mit Seuchenordnungen die Ausbreitung der Seuchen zu verhindern. Dies hatte Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Aber auch unabhängig davon versuchten sich die Menschen vor der Pestilenz zu schützen. Sie reinigten die Luft mittels Räucherungen oder verließen verseuchte Orte. Diese war eine typische Verhaltensweise bei Epidemien. Insbesondere Kinder sollten durch einen Ortswechsel geschützt werden.
Esslingen, wo es seit 1472 regelmäßig Epidemien gab, wurde bei Seuchen von den Menschen zur Vorbeugung einer Infektion ebenfalls gemieden. Der neue Schulmeister der Lateinschule, Johann Schmid, berichtet im Herbst 1521 in einer Bittschrift an den Rat über die Zustände in der Schule und das Verhalten einiger Bürger. Zugleich gibt er einen Blick auf seine Einschätzung der Lage. Dieses Gesuch ist der einzige direkte Beleg für die Epidemie in Esslingen 1521.

Bevor er seinen Dienst antrat, hatte er erfahren, dass eine Seuche in der Stadt grassierte. Über ihr Ausmaß lässt sich nur spekulieren; das Seuchenjahr 1521 gilt jedoch allgemein als vergleichsweise schwere Heimsuchung. Aufgrund der Krankheit liege die Schule brach und die Auswirkungen der Seuche behinderten den Schulbetrieb. Viele Familien waren aus Esslingen geflohen. Der Schulmeister sah aber vor allem eine Gefahr für die eigene Gesundheit. Seine Begründung beruht auf der Vorstellung, dass die Luft in der Stadt vergiftet sei und eine krankheitserregende Wirkung habe. Daher bedeute eine Übersiedlung nach Esslingen ein besonderes Risiko. So ersuchte er den Rat, ihn bis zur Besserung der Lage außerhalb der Stadt wohnen zu lassen. Problematisch war der Umstand, dass nicht alle Schüler der Schule fernblieben oder geflohen waren. Einige Eltern bestanden weiter auf dem Unterricht. Um dies zu ermöglichen, schlug Johann Schmid vor, für die Dauer seiner Abwesenheit einen Stellvertreter einzustellen. Ob es hierzu kam, ist ungewiss. Der Rat entsprach aber dem Gesuch und stellte ihn frei.

Die Freistellung von Amtsträgern sollte sich nach 1521 ändern. Nun durften Amtsträger in Seuchenzeiten die Städte nicht mehr verlassen.


Juni 2014 - Großes ABC-Buch, um 1850

Großes ABC-Buch, Mitte des 19. Jahrhundert
Druck und Verlag von J.F. Schreiber, Esslingen
(JFS 000918)

Dieses großformatige, 18-seitige Buch ist ein wahrhaft unbeschwert unterhaltsames Exemplar eines ABC-Buches. Die wenigen und kurzen Texte sind durchweg harmlos bis lustig und selten moralisch gemeint. Das Zielpublikum muss man sich sehr jung vorstellen und in Begleitung eines allwissenden Erwachsenen.

Auf einer Doppelseite findet der angehende Leser und Schreiber drei kolorierte Abbildungen und auf der anderen Seite Worte, Schreibübungen und Reime. Die Schreibübungen sind in der damals üblich deutschen Kurrentschrift zu sehen. Diese Übungsseiten haben immer einen Schmuckrahmen. Die 26 Buchstaben des Alphabets werden einzeln mit dem kolorierten Bild erläutert. Gerne sind es Tiere, einheimische wie exotische, aber auch so ungewöhnliche Dinge wie „Chinese“, „Quarz“, oder „Vulkan“ kommen vor. Das kleine Erläuterungsbild wird umrahmt mit dem farbig gestalteten Buchstaben in Fraktur-, deutscher Kurrentschrift und lateinischer Druckschrift zusätzlich in Groß- und Kleinschreibung. Gegenüber wird dann geübt: Die Anlautierungen wie „d o“, „o-der“, „mo-de …“ helfen den Leseanfängern ein Gefühl für das gelesene Wort zu bekommen. Die meist drei Zeilen werden dazu genutzt, die deutsche Kurrentschrift zu lernen. Die Schreibzeile wiederholt die obere Zeile, aber nicht in der vollständigen Länge. Mit kurzen Reimen, Rätseln oder kleinen Scherzen wird die Lerneinheit abgeschlossen.
 
Das Prinzip des ABC-Buchs ist die Kombination von schriftlicher Darstellung von Anlauten und bildlicher Darstellung von einem oder mehreren Gegenständen, Tieren oder Personen. Anhand des ABC-Buchs sollten Kinder Lesen, Schreiben und Verstehen lernen. Die Anlautiermethode ist eine Überlegung der Pädagogen des 19. Jahrhunderts. Es ist eine bis heute viel diskutierte Methode des Lernens.

Die Geschichte der ABC-Bücher beginnt schon im 16. Jahrhundert. Damals wurden die ersten ABC-Bücher als Lernmittel gebraucht oder auch zur religiösen Unterweisung eingesetzt. Oft moralisierende Holzschnitte veranschaulichten damals schon Begriff und Text. Das ABC-Buch verliert mit der Einführung der Schulpflicht seine eigentliche Funktion und wird ab diesem Zeitpunkt in der Vorschule oder im privaten Unterricht eingesetzt. Erkennungszeichen bleibt aber die alphabetische Anordnung. Im 19. Jahrhundert lösen sachliche Texte mit unterhaltenden Reimen, die moralisierenden Reime ab. Seit den 1830er Jahren wurden die Kinder von den Erwachsenen angewiesen so Schriften zu entschlüsseln und aus Texten zu lernen. Die Jungen und Mädchen sollten über die gelesenen Texte die Sprach- und Denkfähigkeit schulen, Sachwissen erwerben und eine moralische Orientierung erhalten.
 
Das Prinzip des ABC-Buchs findet man bis heute in den Fibeln der Grundschulen, es wird immer noch zum Lesenlernen verwendet.


Mai 2014 - Albert Benz, Entwurf zur Esslinger Burg, um 1904

Albert Benz,
Entwurf zum Ausbau der Esslinger Burg, ca. 1904
(Stadtarchiv Esslingen, NL Benz 9)

Der Architekt Albert Benz (1877-1944) hat eine ganze Reihe Esslinger Gebäude zu Beginn des 20. Jahrhunderts in historisierendem Sinn restauriert, u.a. das Kessler-Haus und die ehem. Franziskanerkirche. Auch für die sog. „Burg“ hat er ein Projekt erarbeitet. In seinem Nachlass, der im Stadtarchiv verwahrt wird, findet sich eine hübsche aquarellierte Federzeichnung, die dieses Projekt in einer Vogelschauansicht zeigt. Benz wollte die teilweise ruinösen Befestigungsanlagen im Sinne einer spätmittelalterlichen Festung rekonstruieren. Auf dem Kanonenbuckel, einer Artilleriestellung im Norden der Anlage, plante er ein großes steinernes Gebäude. Es sollte eine neue Burggaststätte beherbergen und hätte in seiner erhöhten Position in der Fernansicht die „Burg“ deutlich dominiert. Schon 1887 hatte man den Dicken Turm als Aussichtsturm mit einem neuen Abschluss versehen. Benz, der seine Idee 1908 in der „Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsass-Lothringen“ publizierte, sah einen umfassenden Restaurationsbetrieb vor. Die heutige Burgschänke sollte durch eine Kegelbahn mit dem Oberen Turm verbunden werden, dieser über den rekonstruierten Wehrgang mit dem Dicken Turm. Dass Benz die Burg nicht nur als Tourismusmagnet, sondern auch als Naherholungsraum für die Esslinger verstand, zeigt die Einzeichnung eines Tennisplatzes. Solche Tennisplätze unter freiem Himmel erfreuten sich um 1900 großer Beliebtheit, einer der ersten auf dem Kontinent war 1898 für englische Kurgäste in Bad Homburg entstanden.

Benz sucht sich in seinem Entwurf in den Geist der Anlage einzufühlen, möglichst exakt die Befestigungsanlagen des 16. Jahrhunderts in ihrem angenommenen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Wie sein ungleich berühmterer Zeitgenosse, der Berliner Architekt und Burgenforscher Bodo Ebhardt, hatte er sich einem wissenschaftlichen Historismus verschrieben, der bis ins Detail historische Bauformen nachahmte. Die Rekonstruktion von Burgen war um 1900 nicht ungewöhnlich. Die Hohkönigsburg Ebhardts im Elsass ist eines der vielleicht bekanntesten Beispiele. Dahinter stand ein zeittypisches Burgenbild, das eine vermeintlich heroische Vergangenheit heraufbeschwören wollte und ein eigenständiges Mittelalterbild in der Tradition der deutschen Romantik entwarf.

Auch Benz versuchte sich, u.a. auf Hohenbeilstein, an solchen Bauprojekten. Beilstein blieb allerdings unvollendet, weil der Auftraggeber verstarb, und dem visionären Esslinger Entwurf dürften die Stadtväter skeptisch gegenüber gestanden haben. Er hätte die Burg um das ergänzt, was ihr so offensichtlich fehlt: ein herrschaftlicher Wohnbau, den Benz in den Formen des frühen 16. Jahrhunderts mit hohem Staffelgiebel entwarf. Tatsächlich aber war die 1314 erstmals erwähnte Burg nie Adelssitz, sondern lediglich ein stark ausgebauter Bereich der Esslinger Stadtbefestigung an der besonders gefährdeten Nordseite der Stadt.



Info

Wechselausstellungen

1914-1918. Esslingen und der Erste Weltkrieg. Heimatfront und Zeitenwende

Ausstellung im Stadtmuseum im Gelben Haus vom 9. November 2018 bis 10. März 2019 
 

Ausstellungs-Info

Viele Teile, eine Stadt! Gemeinsam Stadt(teil)geschichten entdecken

Neuer Weg ins J. F. Schreiber-Museum ab 27. August

Ab 27. August verändert sich der Weg ins J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof: Wegen der Baustelle an der Brücke Augustiner-/Geiselbachstraße wird dann die Unterführung am Salemer Pfleghof geschlossen. Die Unterführung beim Neuen Rathaus ist wieder zugänglich. Wir bitten Sie, der Beschilderung „Frauenkirche / Untere Beutau“ zu folgen. Der Eingang zum J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof befindet sich gegenüber des Chors der Frauenkirche.

Bitte verwenden Sie für Anfragen per Email bis auf Weiteres nur die Adresse: museen@esslingen.de

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