Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Mai 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Anklage Selbstverstümmelung: Die Kriegsgerichtsakte August Muff
1918

(Landesarchiv Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, M 81 Bü 9/67)


Es war die Nacht vom 21. auf den 22. April 1918: Bei Villers-Bretonneux, 16 km östlich von Amiens, 400 Meter vom Feind als MG-Posten auf Feldwache liegend, schoss sich der Berkheimer August Muff mit der Pistole in den linken Unterarm. Am 4. September 1918 wurde er dafür vom Kriegsgericht der Stellvertretenden 54. Infanterie-Brigade in Ulm wegen Selbstverstümmelung verurteilt.
 
August Muff wurde am 11. August 1898 in Berkheim als Sohn eines Fabrikarbeiters geboren. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und erlernte den Beruf eines Eisendrehers. Am 4. Januar 1917 wurde er eingezogen und am 10. November 1917 an die Front in Frankreich zur 1. Maschinengewehrkompanie des Infanterie-Regiments Nr. 479 versetzt. Mit diesem Regiment wurde Muff im März 1918 von der Verdun-Front ins Somme-Gebiet verlegt und nahm an der verlustreichen Michael-Offensive teil. In den Arm schoss er sich kurz vor einem für den 24. April angesetzten deutschen Großangriff auf Villers-Bretonneux. Die Artillerie beider Seiten feuerte hier in der Nacht zum 22. April aus allen Rohren.
 
Muffs Verwundung erregte Argwohn: Den Ärmel seines Waffenrocks wollte er sich nicht aufschneiden lassen. Seine Uniform roch nach Pulver. Seine Pistole war blutverschmiert. In ihrer Kammer fand sich keine Patrone mehr. Muff verwickelte sich in Widersprüche. Während er gesund gepflegt wurde und ab Mitte Mai seinen Dienst im Ersatztruppenteil in Isny verrichtete, bereitete die Militärverwaltung den Prozess gegen ihn vor.
 
Im Unterschied zur Bundesrepublik kannte das Deutsche Reich eine spezielle Militärgerichtsbarkeit. Laut dem Militärstrafgesetzbuch von 1872 (§ 81, Absatz 1) wurde Selbstverstümmelung „mit Gefängniß von Einem Jahre bis zu fünf Jahren bestraft“. Im Verfahren gegen Muff hatte das aus Truppenoffizieren und Kriegsgerichtsräten, also Volljuristen, bestehende Ulmer Kriegsgericht „kein Bedenken, die Darstellung des Angeklagten als unglaubhaft zu verwerfen“. Dennoch fiel das Urteil mit einem Jahr Haft milde aus. Wo immer möglich, legten die Militärrichter das geltende Recht zugunsten Muffs aus. Für ihn sprach auch seine Jugend. Der Befehlshaber der Stellvertretenden 54. Infanterie-Brigade, Generalmajor Wilhelm Freiherr von Brand, bestätigte als Gerichtsherr den Urteilsspruch, setzte ihn jedoch anschließend „aus dienstlichen Gründen“ außer Vollzug. Muff wurde zur Truppe an die Front zurückgeschickt.
 
Vergehen der „Dienstentziehung“ wie Fahnenflucht, unerlaubte Entfernung und Selbstverstümmelung kamen im deutschen Heer während des Ersten Weltkrieges zunächst nicht häufiger vor als in der Vorkriegszeit. Für das württembergische Heer sind bis zum Waffenstillstand knapp 2.400 abgeschlossene Verfahren wegen Desertion und unerlaubter Entfernung nachzuweisen (bei etwa 500.000 mobilisierten Soldaten). Reichsweit rechnet man mit etwa 50.000 abgeschlossen Verfahren (bei einer Gesamtzahl von 13,5 Millionen mobilisierten Soldaten). Erst ab dem Frühjahr 1918, vor allem in den letzten Kriegswochen, wurde die „Drückebergerei“ zu einem militärisch relevanten Faktor.
 
Der Umgang mit Delikten der Dienstentziehung unterschied sich in den am Weltkrieg beteiligten Armeen deutlich. In Deutschland waren die Strafandrohungen zwar hoch, die Urteile jedoch eher milde. Die Zahl der vollstreckten Todesstrafen war im deutschen Heer wesentlich geringer als bei den anderen Kriegsparteien. Die relative Milde der deutschen Militärjustiz folgte einer militärischen Logik: Haftstrafen konnten Täter, die dem Frontdienst entkommen wollten, kaum abschrecken. Wie im Fall Muffs diente die Aussetzung der Strafe vor allem dazu, dem Heer die Kampf- bzw. Arbeitskraft des delinquenten Soldaten zu erhalten.
 
August Muffs Selbstverwundung kann nur bedingt mit den Auflösungserscheinungen im deutschen Heer, dem von manchen Historikern für das Jahr 1918 konstatierten „verdeckten Militärstreik“, in Beziehung gesetzt werden. Muff handelte aus Angst und situativ. Früher eingezogen hätte er sich – etwa als Soldat in der Verdun- oder Somme-Schlacht – wohl nicht anders verhalten. Muff profitierte von einer Amnestie für Delikte der Dienstentziehung, die im November 1918 in Kraft trat. 1922 heiratete er eine Frau aus dem Arbeitermilieu. Das Paar bekam zwei Kinder. August Muff starb am 24. September 1929 im Alter von erst 31 Jahren in Berkheim.


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