Objekt des Monats

Februar 2020

Transportkiste
Holz, Textil, Blech
Mitte 20. Jahrhundert
(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 006801)

Kiste des italienischen "Gastarbeiters" Giuseppe Celani. Aufnahme: Michael Saile

Die Transportkiste aus Holz mit Klappdeckel wirkt auf den ersten Blick völlig unscheinbar. Sie ist stark abgenutzt, das Segeltuch, das die Holzbretter umhüllt, ist eingerissen und die schwarzen Blechbeschläge sind beschädigt oder verrostet. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Kiste beim Ausräumen eines Hauses in der Rosenstraße in Esslingen-Mettingen im Sperrmüll landete. Beim genaueren Hinsehen fallen jedoch mehrere Aufkleber auf, die auf der Kiste kleben. Ein großes Etikett auf dem Deckel verrät Namen und Anschrift des mutmaßlichen Besitzers: „Signore Giuseppe Celani, Esslingen a.N. Mettingen, Schenkenbergstraße 71“. Laut einem weiteren Aufkleber wurde die Kiste am 27. August 1962 von Rom über den Brenner und München nach Esslingen geschickt. Das machte den Vorbesitzer der Transportkiste stutzig und er übergab sie den Städtischen Museen.

Wer war Giuseppe Celani? Warum kam er nach Esslingen? Lebt er heute noch hier? Und was können wir sonst noch über ihn herausfinden? Ein erster Hinweis auf ihn fand sich im Stadtarchiv. Dort ist in der Einwohnermeldekartei von 1946 bis 1979 sein Geburtstag, Geburtsort und Familienstand vermerkt. Ebenso die beiden Söhne, Domenico und Maurizio. Letzterer wohnte demnach zumindest bis in die 1990er Jahre in Esslingen. Heute lebt er in einer Kreisgemeinde und erzählte uns die Geschichte seines Vaters.

Giuseppe Celani wurde am 28. Oktober 1924 in Rom geboren. Als junger Mann ging er nach Österreich und arbeitete in Dornbirn. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Palmira Angelina kennen. 1945 heiratete das Paar, im selben Jahr kam Tochter Anna Maria in Rom zur Welt. Celani fand eine Anstellung im Vatikan, die seiner jungen Familie eine Wohnung mitsamt Versorgung und ein kleines Gehalt sicherte. 1950 wurde der Sohn Domenico geboren, vier Jahre später erblickte der zweite Sohn Maurizio das Licht der Welt. Wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten verfolgte Giuseppe Celani die Ausschreibungen der Anwerbestellen für sogenannte Gastarbeiter, die ab 1955 den Arbeitskräftemangel in Deutschland ausgleichen sollten. Schließlich bewarb er sich als Maurer, erhielt die Zusage und ging wie rund 630.000 Italiener nach Deutschland. Im Herbst 1957 brach er auf – mit dem Vorsatz, seine Familie schnellstmöglich nachzuholen. 

Seine Reise führte ihn zunächst von Rom nach Mailand. Von hier aus wurden die angeworbenen Arbeiter nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz vermittelt. Celani kam nach Esslingen-Mettingen, wo er zunächst mit anderen italienischen Arbeitern in einem Wohnheim, dann in der Schenkenbergstraße 71 lebte. Ab 1958 war Celani in einem Bauunternehmen beschäftigt. 1960 erhielt er eine Anstellung in der Cellophanwarenfabrik der Gebrüder Berner. Dorthin vermittelte er auch seine Tochter, die ihm noch im gleichen Jahr nach Deutschland folgte. Giuseppe Celani hielt über Briefwechsel den Kontakt zu seiner Familie in Italien, ungefähr alle sechs Monate war ein Telefonat in den Süden möglich.

1962 kam die restliche Familie nach Esslingen-Mettingen. Palmira Celani arbeitete zunächst ebenfalls in der Firma der Gebrüder Berner. Die beiden Söhne Domenico und Maurizio besuchten die Grundschule in Mettingen, ab 1963 die Burgschule in der Innenstadt. Dort waren sie die ersten beiden Schüler ausländischer Herkunft, wurden jedoch von ihren Klassenkameraden gut aufgenommen. Auch das Ehepaar Celani fand schnell Anschluss und baute sich einen großen Freundeskreis auf. 1963 zog die Familie aus Mettingen in die Landolinsgasse, ab 1966 wohnte sie am Rossmarkt. 1974 kehrten sie nach Mettingen zurück und bezogen ein Haus in der Rosenstraße – wo man 45 Jahre später die Transportkiste fand. Nach über 25 Jahren Mitarbeit in der Firma der Gebrüder Berner ging Celani 1988 in den Ruhestand und kehrte mit seiner Frau nach Italien zurück, wo das Paar seinen Lebensabend verbrachte. Palmira Celani starb 2002, ihr Mann zwei Jahre später. Anna Maria Celani lebte bis zu ihrem Tod in Deutschland, Domenico Celani kehrte vor einigen Jahren ebenfalls nach Italien zurück.


Info

Wechselausstellungen

Mechanische Tierwelt

Plakat der Ausstellung "Mechanische Tierwelt" mit einem Foto eines alten Blechspielzeugs, einem Affen

1. Dezember 2019 - 1. März 2020  Stadtmuseum im Gelben Haus

NUR NOCH BIS 1. MÄRZ!

Finissage am Sonntag, 1. März, 15 Uhr
Infos hier
 

Viele Teile, eine Stadt! Gemeinsam Stadt(teil)geschichten entdecken

Plakat des Projektes "Viele Teile, eine Stadt" mit einem schematischen Stadtplan mit eingezeichneten Stadtteilen

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