Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

November 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Kriegsende und Revolution: Lithographie „Sturm auf das Wilhelmspalais“ von Otto Schwerdtner,
 Papier, 40 x 45 cm,

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 004553)


Otto Schwerdtners (1883-1957) Kreidelithographie zeigt das zentrale Revolutionsereignis in Württemberg: den Sturm auf das Stuttgarter Wilhelmspalais am Nachmittag des 9. November 1918. Der damals 35jährige Maler und Graphiker Schwerdtner hatte nach einer Xylographenausbildung seit 1903 in der Stuttgarter Kunstakademie studiert und den Krieg in voller Länge mitgemacht.
 
Streiks bestimmten Anfang November 1918 die Lage in Württemberg. Am 4. November trat der erste Arbeiter- und Soldatenrat des Landes im Stuttgarter Gewerkschaftshaus zusammen. Die konkurrierenden sozialdemokratischen Flügelparteien von Mehrheitssozialisten (MSPD) und Unabhängige Sozialisten (USPD), übernahmen das Heft des Handelns. Vergeblich versuchte das Stellvertretende Generalkommando des 13. Armeekorps in Stuttgart, die alten Machtstrukturen zu sichern.
 
Mit der Parole „Vorwärts zur sozialen Republik!“ rief am 9. November 1918 die sozialdemokratische Schwäbische Tagwacht zu Demonstrationen in allen industriellen Zentren des Landes auf. Auf dem Weg von Degerloch in die Stadt beobachtete der künftige Ministerpräsident Wilhelm Blos (1849–1927) das Geschehen auf den Stuttgarter Straßen: „Am Karlsplatz, auf der Planie, in der Esslingerstraße und am Wilhelmspalast herrschte ein ungeheures Getümmel. […] Man sah auf den ersten Blick, dass die Soldaten sich mit dem Volk verbrüdert hatten“. König Wilhelm II. (1848–1921) schilderte die Szenen vor und in seinem Palais am frühen Nachmittag: „Zehntausende standen vor dem Vorgarten. Eine Rotte drang dann ein, verlangte die Einziehung meiner Flagge und Hissung der rothen. Während mir dies eröffnet wurde, geschah es mit Gewalt. Dann zogen sie sich allmälig zurück. Es war trotz allem eine merkwürdige Disziplin in der Masse“. Unter dem Schutz des Soldatenrats fuhren König und Königin noch am gleichen Abend nach Bebenhausen, das Wilhelm, der formal erst am 30. November abdankte, bis zu seinem Tod kaum mehr verließ.
 
Das in Württemberg schon in der Monarchie geübte Miteinander wurde in der Revolution in eine breitestmögliche Kooperation politischer Kräfte überführt. Am 9. November bildete sich unter Wilhelm Blos eine aus MSPD, USPD, Zentrum, DP und Fortschrittlicher Volkspartei gebildete provisorische Regierung, die sowohl von den Arbeiter- und Soldatenräten als auch von den Militärs unterstützt wurde. Dadurch wurden Blutvergießen verhindert und spartakistische Absichten unterbunden, ein Rätesystem nach sowjetischem Vorbild einzurichten.
 
Auch vom Esslinger Rathausbalkon wehten in den Revolutionstagen rote Fahnen, wovon aber keine Bilder erhalten sind. Am Morgen des 9. November veranstalteten Esslinger Arbeiter eine Kundgebung mit 5.000 Teilnehmern auf dem Marktplatz. Wie andernorts forderte man sofortigen Friedensschluss, Entmilitarisierung und Übergang zur Friedenswirtschaft, die Einführung der Republik und die Abschaffung von Adelsprivilegien sowie das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen. Nach der Kundgebung wurde in der „Traube“, einem bekannten SPD-Lokal unterhalb der Frauenkirche, ein Arbeiterrat aus Vertretern von MSPD und USPD gewählt, dem sich am 10. November der Soldatenrat des Ersatz-Bataillons 246 anschloss.
 
Am 14. November, drei Tage nach Eintritt des Waffenstillstandes am 11. November um 12 Uhr, tagte der Esslinger Arbeiter- und Soldatenrat mit örtlichen Arbeitgebern. Die Sitzung leitete Oberbürgermeisters von Mülberger: Wichtigstes Thema war, wie die Frontheimkehrer in Arbeit gebracht werden könnten.
 
Die selbstgestellte Aufgabe des Arbeiter- und Soldatenrates, Ruhe und Ordnung zu wahren, brachte ihn in Esslingen bald in einen seltsamen Konflikt. Die Arbeiter von den Fildern, die in der Baumwollspinnerei und Weberei auf dem Brühl oder bei der Maschinenfabrik Esslingen in Mettingen arbeiteten, hatten immer um die königliche Domäne Weil herumgehen müssen. Nun rissen sie die Zäune nieder und gingen direkt durch das Gestüt. Mahnungen des Arbeiter- und Soldatenrates, dass das Privateigentum zu respektieren und Betreten verboten sei, halfen nichts. Selbst Militärposten wurden ignoriert. Daraufhin duldete man die Abkürzung. Der Arbeiter- und Soldatenrat riskierte keine offene Konfrontation und agierte zusehends wie eine nachgeordnete Dienststelle der provisorischen Regierung. Oberbürgermeister von Mülberger behielt das Heft des Handelns in der Hand.


Info

Wechselausstellungen

1914-1918. Esslingen und der Erste Weltkrieg. Heimatfront und Zeitenwende

Ausstellung im Stadtmuseum im Gelben Haus vom 9. November 2018 bis 10. März 2019 
 

Ausstellungs-Info

Neuer Weg ins J. F. Schreiber-Museum ab 27. August

Ab 27. August verändert sich der Weg ins J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof: Wegen der Baustelle an der Brücke Augustiner-/Geiselbachstraße wird dann die Unterführung am Salemer Pfleghof geschlossen. Die Unterführung beim Neuen Rathaus ist wieder zugänglich. Wir bitten Sie, der Beschilderung „Frauenkirche / Untere Beutau“ zu folgen. Der Eingang zum J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof befindet sich gegenüber des Chors der Frauenkirche.

Bitte verwenden Sie für Anfragen per Email bis auf Weiteres nur die Adresse: museen@esslingen.de

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