Objekt des Monats

Januar 2022

Repassiergerät „Desmo Type B2“
Metall, Kunststoff, Gummi
Firma Vitos, Troyes (Frankreich)
1950er - 1960er Jahre

(Stadtmuseum im Gelben Haus, STME 007855)

Repassiergerät aus verschiedenen Bestandteilen: Motorblock, Fußpedal, Halter für den beschädigten Strumpf, Repassiernadel
Fotografie: Michael Saile

Ein Stückchen Nachhaltigkeit – davon zeugt diese leuchtend rot lackierte Maschine. Perlon- und Nylonstrümpfe waren vor einigen Jahrzehnten noch kostbare, wohlgehütete Stücke, heute sind sie billige Wegwerfprodukte: Haben sie ein Loch oder eine Laufmasche, wandern sie in den Restmüll. Noch in den 1960er Jahren hingegen wurden Feinstrümpfe mit Laufmaschen zur Reparatur zum so genannten Repassieren gebracht. Mithilfe des Repassiergeräts konnten die Laufmaschen rasch und sorgfältig geflickt werden.
 
Die Firma Vitos in Troyes, Frankreich, war eigentlich auf die Textilherstellung spezialisiert, als Marcel Vitoux, der Sohn des Firmengründers Léon Vitoux, 1925 das erste elektro-pneumatische Repassiergerät erfand. Zunächst war die Maschine bei Verkäufer:innen von Strick- und Wirkwaren professionell im Einsatz. In den Wirtschaftswunderjahren wurden die Geräte verstärkt auch von Frauen in Heimarbeit genutzt, die sich mit dem Reparieren von Strümpfen ein bisschen Geld hinzu verdienten.
 
Unser Repassiergerät kam in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren in Esslingen zum Einsatz. Die Repassiererin Anna Lampart war in der Oberen Beutau 6 direkt neben der Burgstaffel ansässig und hatte eine junge Angestellte, Inge Linnemann. Gemeinsam richteten sie die feinen Strumpfwaren der Esslinger Damenwelt.
 
Die Repassiermaschine besteht aus einem Motorteil mit leuchtend rotem Gehäuse und metallenem Drehschalter, der vier Regulierungsstufen aufweist. An einen Auslass wurde ein Gummischlauch angeschlossen. Mittels des schwarzen Fußpedals konnte die Maschine in Gang gesetzt werden und erzeugte einen regulierbaren Luftdruck. Dieser veränderte sich je nach Einstellung des Drehschalters. Am losen Ende des dünnen Gummischlauchs wurde eine Repassiernadel angeschlossen. Im Gegensatz zu einer normalen Nähnadel ist sie am oberen Ende wie eine Häkelnadel gebogen und hat ein kleines, bewegliches Häkchen. Zusammen bilden diese Teile eine offene Öse. Um eine Laufmasche zu richten, spannten Frau Lampart und Frau Linnemann den Strumpf mit der beschädigten Stelle über den trichterförmigen Halter. Rechts und links des Lochs oder der Laufmasche fixierten sie das noch intakte Gestrick mit einem Faden, um zu verhindern, dass sich weitere Maschen lösten. Eine intakte Masche am unteren Ende der Laufmasche wurde im nächsten Schritt mit einer Nadel aufgefangen und in den Haken der Repassiernadel eingehängt. Mit der Betätigung des Fußpedals erzeugten die Repassiererinnen einen Luftstrom, der durch den Schlauch in die Nadel strömte und diese in Bewegung setzte. Mit der Hand führten sie die Nadel am Maschenverlauf entlang, während die Nadel neue Maschen erzeugte. Die letzte Masche vernähten sie abschließend von Hand – das Loch war geflickt, der Strumpf wieder einsatzbereit.
 
Die Repassiermaschine hat ihren Weg ins Stadtmuseum mit einer ganzen Reihe von Zubehör gefunden. Dazu zählen mehrere Repassiernadeln in verschiedenen Stärken, Garne in verschiedenen (Haut-)Farben und kleinere Ersatzteile, um die Maschine bei Bedarf selber zu reparieren. Wie viele Laufmaschen die beiden Repassiererinnen richten mussten, um den Anschaffungspreis für das Gerät wieder hereinzuholen, ist in diesem Fall nicht übermittelt. Vergleichbare Zahlen aus Frankreich zeigen jedoch, dass dort mindestens 1000 Laufmaschen geflickt werden mussten, damit der Kaufpreis für die Maschine erreicht war.
 
Anna Lampart und Inge Linnemann waren bei weitem nicht die einzigen Repassiererinnen in Esslingen in dieser Zeit. Das Adressbuch von 1958 weist zwölf Repassierbetriebe aus, 1960 sind es noch acht - und alle in Frauenhand.
 
Das Repassiergerät ist nur wenige Jahrzehnte alt und dennoch den meisten Menschen heute kein Begriff mehr. Vielleicht erlebt es aber eine Renaissance, sobald das Bewusstsein für einen nachhaltigen Lebensstil mit einem achtsamen Umgang mit Kleidung auch Wegwerfprodukte wie Feinstrumpfhosen erreicht hat.


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