Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir im Stadtmuseum im Gelben Haus das Objekt des Monats im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

November 2017

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Esslinger Juden im Krieg: Foto von Emil Schorsch in Uniform
1917
(Privatbesitz)


Der künftige Rabbiner Emil Schorsch (1899–1982) war einer von zehn Esslinger Juden mit württembergischer Staatsbürgerschaft, die im Ersten Weltkrieg kämpften. Zwei meldeten sich freiwillig, zwei fielen, acht wurden mit dem Eisernen Kreuz, fünf mit württembergischen oder bayerischen Kriegsverdienstmedaillen ausgezeichnet.
 
Schorsch stammte aus dem badischen Dorf Hüngheim, wo sein Vater einen Laden betrieb. Weil seine Mutter erkrankt war, wurde Schorsch 1907 in das Esslinger Israelitische Waisenhaus Wilhelmspflege aufgenommen.
 
In der Wilhelmspflege begegnete Schorsch Theodor Rothschild, dem charismatischen Leiter der Einrichtung. Rothschild war Reformpädagoge. Sein Erziehungsstil verband geistige und praktische Anregung, vermittelte Kenntnis der jüdischen Religion und Glaubenstreue, dazu ein Gefühl familiärer Geborgenheit. Für Schorsch wurde Rothschild Mentor und „Ersatzvater“, ein lebensprägendes Vorbild.
 
Nachdem Schorsch in der Wilhelmspflege die achtjährige Volksschule durchlaufen hatte, befolgte er Rothschilds Rat und bewarb sich 1913 mit Erfolg um einen der begehrten Plätze im protestantischen Esslinger Lehrerseminar. Schorsch war dort damals der einzige jüdische Zögling. Mit Theodor Rothschild als Lehrer studierte er zusätzlich zum regulären Lehrprogramm zwölf Stunden pro Woche Hebräisch, jüdische Geschichte und Bibelkunde. Außerdem lernte er die jüdischen Religionsgesetze und ihre Auslegungstraditionen. Sein Ziel war, Lehrer an einer jüdischen Schule zu werden.
 
Am 12. Januar 1917 feierte Schorsch seinen 18. Geburtstag. Im Juli wurde er zum Ersatzbataillon des Württembergischen Infanterie-Regiments Nr. 180 in Tübingen eingezogen. Im September 1917 versetzte man ihn zur Artillerie. Zum Einsatz an der Westfront kam Schorsch mit dem Württembergischen Feldartillerie-Regiment Nr. 29, dem er vom 19. August 1918 bis zum 22. Dezember 1918 angehörte. Schorsch diente als Fernmelder. Seine Einheit war exponiert, zog Telefondrähte von den Infanterie-Linien zu den Feuerstellungen der Feldgeschütze. Er erlebte schwere Abwehrkämpfe gegen eine zermalmende Übermacht, Zurückweichen, zuletzt einen verlustreichen Luftangriff, dem Schorschs Einheit deckungslos auf freiem Feld ausgesetzt war. Beim Waffenstillstand befand sich sein Regiment im Vorfeld der Antwerpen-Maas-Stellung. Von dort wurde es zuerst nach Marburg, dann per Bahn in die Heimatgarnison Ludwigsburg zurückgeführt, wo die einzelnen Abteilungen vom 21. bis zum 23. Dezember 1918 eintrafen.
 
Nach der Abmusterung schloss Schorsch 1919 seine Lehrerausbildung in Esslingen ab und unterrichtete elf Monate an jüdischen Schulen. Umgetrieben von seinen Kriegserlebnissen beschloss er, Rabbiner zu werden und bewarb sich 1920 an dem berühmten Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau. Zur Aufnahme musste Schorsch Abiturskenntnisse in Latein und Griechisch nachweisen, was ihn zwei Jahre intensives Selbststudium kostete. Dazu kam der spätestens zur Ordination als Rabbiner verlangte Doktortitel einer deutschen Universität. Schorsch erwarb ihn 1925 in Tübingen aufgrund seiner religionsphilosophischen Doktorarbeit „Die Lehrbarkeit der Religion“.
 
1928 wurde Schorsch in Breslau ordiniert. Bereits ein Jahr zuvor, zum 16. Januar 1927, hatte ihn die jüdische Gemeinde Hannover auf ihre zweite Rabbinerstelle berufen. In Hannover engagierte sich Schorsch tatkräftig und ideenreich für die Jugendarbeit der Gemeinde, die jüdische Erwachsenenbildung und die bislang von der Gemeinde ausgegrenzten jüdischen Zuwanderer aus Osteuropa.
 
Württemberg und Esslingen blieb Schorsch durch viele Besuche verbunden. Am 28. Dezember 1926 hatte er in Esslingen Fanny Rothschild geheiratet, die ältere Tochter seines verehrten Lehrers Theodor Rothschild. Nach der Reichspogromnacht emigrierten Emil und Fanny Schorsch mit ihren Kindern Hanna und Ismar über England in die USA. Dort wirkte Emil Schorsch bis 1964 als Rabbiner der Gemeinde Mercy and Truth in Pottstown in Pennylvania und als ziviler Seelsorger im Militärkrankenhaus Valley Vorge.
 
Sein Schwiegervater Theodor Rothschild hatte sich 1938 geweigert, aus Deutschland zu fliehen. Er wurde 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Seine Frau Ina überlebte die Lagerhaft und emigrierte über die Schweiz in die USA, wo sie 1991 starb.


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