Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Januar 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg


Pazifismus und Soldatensprachführer: Der Verlag Wilhelm Langguth
1914-1918
(Stadtarchiv Esslingen, Bibliothek)


Der gelernte Buchhändler Wilhelm Langguth (1849-1929) stammte aus Oberwind in Sachsen-Meiningen. 1875 kaufte er Gustav Hohlochs Buchhandlung in Esslingen und machte aus ihr einen unter seinem Namen in der Berkheimer Straße 20 firmierenden Verlag, den er um eine Druckerei mit Buchbinderei, eine Geschäftsbücherfabrik sowie eine Prägeanstalt für Etiketten und Siegelmarken ergänzte.
 
Langguths Verlagsprogramm wirkt wenig zusammenhängend. In Verlagsanzeigen werden Gewerbeordnungen zusammen mit Kochbüchern, einem Lehrbuch der schwedischen Gymnastik und dem Ratgeber „Mietswohnung oder Eigenhaus?“ beworben, den der Esslinger Architekt Heinrich Werner 1914 vorlegte.
 
Im Herbst des selben Jahres brachte Langguth „Soldaten-Sprachführer“ für Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch im Westentaschenformat auf den Markt, mit Auflagen bis zu 54.000, ergänzt um Soldatenliederbücher und Blanko-Kriegstagebücher zum Eintrag persönlicher Fronterlebnisse. Solche Geschäftstüchtigkeit irritiert, hatte sich Langguth doch vor dem Krieg als wichtigster Verlag der bürgerlichen Friedensbewegung profiliert, die in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) organisiert war.
 
Die DFG war 1892 in Berlin gegründet worden, hatte ihr Zentrum aber in Baden und Württemberg. Dort wurde sie von der linksliberalen Deutschen Volkspartei unterstützt, die sich wie die DFG für Völkerverständigung, Abrüstung und ein Regime rechtsförmiger Schiedsverfahren internationaler Konflikte einsetzte. Dazu kam eine günstige personelle Konstellation. In Württemberg agierte der liberale Stuttgarter Stadtpfarrer Otto Umfrid (1857–1920) besonders energisch für die DFG. Seinetwegen wurde die Geschäftsleitung 1900 nach Stuttgart verlegt und Umfrid damit zum Geschäftsführer gemacht.
 
Wilhelm Langguth gehörte dem Esslinger Ortsverein der DFG an. Von 1912 bis 1922 war er dessen Vorsitzender. Möglicherweise hing sein Engagement mit eigenen Kriegserlebnissen zusammen. Langguth war Veteran des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871 und Vorstand im 1872 gegründeten „Deutschen Krieger Verein Esslingen“. Seit 1898 verlegte er fast exklusiv Umfrids pazifistische Bücher und Broschüren, dazu von 1899 bis 1908 des Friedenspfarrers volkstümlichen Kalender „Der Friedensbote“ sowie von 1900 bis 1915 das Verbandsorgan der DFG, die 1910 in „Völker-Friede“ umbenannten „Friedensblätter“. Auch die Protokolle der erstmals 1908 abgehaltenen Deutschen Friedenskongresse erschienen in seinem Verlag.
 
Für die DFG brachte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen drastischen Einbruch der Mitgliederzahl. Sie sank bis zum Jahresende 1914 von 10.000 auf 6.000. Im November 1915 wurden die Stuttgarter Buchhandlung der DFG von der Polizei geschlossen, öffentliche Kundgebungen und das Verbandsorgan „Völker-Friede“ verboten. Als Ersatz brachte Langguth vom Januar 1916 bis Januar 1917 die Zeitschrift „Menschen- und Völkerleben“ heraus – mit Reiseberichten und Hinweisen auf Aktivitäten ausländischer Friedensfreunde. Bezugnahmen auf die DFG waren vermieden, doch belegen blanke Seiten massive Eingriffe der Zensur. Umfrid war an der Zeitschrift nicht beteiligt – ob aus politischer Vorsicht oder wegen eines rasch voranschreitenden Augenleidens, ist unbekannt.
 
Wegen ihres Herausgebers bemerkenswert ist noch eine 1915 und 1916 bei Langguth verlegte Flugschriftenreihe zur „Genossenschaftlichen Kultur“. Sie gab der spätere KPD-Funktionär und Ost-Berliner Historiker Karl Bittel neben seiner Tätigkeit als Sekretär des Konsumvereins Esslingen heraus, stand aber wohl nicht in Zusammenhang mit politischen Überzeugungen ihres Verlegers.
 
Zum 1. April 1919 zog sich Wilhelm Langguth aus dem Geschäftsleben zurück. Er starb am 22. März 1929. In einem ausführlichen Nachruf würdigte die „Esslinger Zeitung“ Langguths Mitgliedschaft im Esslinger Bürgerausschuss und seinen Einsatz als langjähriger Vorstand des Pliensau-Vorstadt-Vereins. Unerwähnt blieb sein DFG-Engagement. Immerhin hatte es den Verleger aber auch nicht um das ehrende Angedenken der Stadtgesellschaft gebracht.


Info

Wichtige Information:

Der Aufzug im Salemer Pfleghof ist wegen Bauarbeiten bis ca. 29. Januar 2018 außer Betrieb. Das Museum ist bis dahin nur über das Treppenhaus erreichbar. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Wechselausstellungen

Vom Erzgebirge komm ich her ... Die Sammlung Hannelore und Jürgen Pintscher

Ausstellungs-Info

Bitte verwenden Sie für Anfragen per Email bis auf Weiteres nur die Adresse: museen@esslingen.de

Hilfreiche Seiten