Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

September 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg

Kriegsschriftsteller, Gaukulturwart, Ehrenbürger
"Haubitzen vor!" von Georg Schmückle
Georg Schmückle: Haubitzen vor! Vormarscherinnerungen eines nachführenden Offiziers, Stuttgart 1923

(Stadtarchiv Esslingen, Bibliothek 11882)


„Haubitzen vor!“ von 1923 enthält die Kriegserinnerungen des am 19. August 1880 in Esslingen geborenen Georg Schmückle. Der schmale Band war nach dem Gedichtband „Lichter überm Weg“ (1921) seine zweite unabhängige Publikation. Zahlreiche sollten folgen.
 
Der Text schildert subjektiv die Erlebnisse Schmückles als Leutnant einer Batterie im 3. Württembergischen Feldartillerie-Regiment Nr. 49, das bald nach Kriegsbeginn in den Argonnen in schwere Kämpfe verwickelt wurde. Besonderen Raum nehmen die eigenen Heldentaten, vor allem die Säuberung des Ortes Mussy-la-Ville von belgischen Franctireurs (Partisanen), ein. Das fand seinen Höhepunkt darin, was der Autor verherrlichend als „Blutnacht von Sommaisne“ bezeichnete. Mit dem baldigen Rückzug endet der Text: „Die Tage des Vormarschs waren zu Ende! Weit voraus hatten die Schwaben die Reichssturmfahne getragen und kein Truppenteil des deutschen Heeres hatte geblutet wie die Schwaben beim Sturm ins französische Land!“
 
Der kleine Band ist ein Beispiel für die Erinnerungsliteratur von Offizieren. Sein Verfasser gehört zu den Teilnehmern des Ersten Weltkriegs, die später als Exponenten und Profiteure des nationalsozialistischen Regimes hervortreten sollten. Dabei war Schmückle im Jahr 1914 kein junger, entwurzelter, sich radikalisierender Weltkriegsteilnehmer, sondern ein wohlhabender 34jähriger Akademiker mit abgeschlossenem juristischem Hochschulstudium und einer sicheren Lebensperspektive im Staatsdienst.
 
Schmückle wuchs in San Remo, wo der Vater vornehme Hotels betrieb, in Silvaplana und Backnang auf. Als Witwe zog die begüterte Mutter mit ihren beiden Söhnen ins elterliche Esslingen, wo die Familie 1897 die repräsentative „Villa Schmückle / Eberspächer“ (Berliner Straße 17) bezog. 1900 bestand Schmückle am Gymnasium sein Abitur, legte 1909, nach Studium, Referendariat und Promotion, die zweite Staatsprüfung ab und ging in den württembergischen Justizdienst.
 
Die militärische Karriere des Leutnants der Reserve Schmückle war von psychischen Störungen überschattet. Ab Ende 1917 frontuntauglich, wurde Schmückle ins Kriegsarchiv versetzt, wo er drei Bände der Reihe „Schwäbische Kunde aus dem großen Krieg“ bearbeitete. 1920 verließ er, der 1915 eine Cannstatter Fabrikantentochter geheiratet hatte und damit finanziell unabhängig war, freiwillig den Justizdienst. Kurzzeitig gab er die revanchistische Monatsschrift „Der Schwäbische Bund“, später: „Oberdeutschland“ heraus.
 
1924 provozierte Schmückle einen reichsweiten Skandal, als er wegen des Singens der „Marseillaise“ in einer Aufführung von Büchners „Dantons Tod“ den Intendanten des Stuttgarter Landestheater schriftlich verunglimpfte. Im nachfolgenden Beleidigungsprozess vor dem Reichsgericht wurde er freigesprochen: Seine Popularität in nationalistischen Kreisen nahm zu. Mit seinem größten literarischen Erfolg, „Engel Hiltensperger“ von 1930, erwies sich Schmückle als ein Schriftsteller, der im Gewand des Historienromans - die Handlung spielt im Schwaben der Lutherzeit - das gesamte Arsenal nationalsozialistischer Ideologie transportierte: Endzeitstimmung, völkische Ideologie, Sozialdarwinismus, Führerkult und -erwartung.
 
Ab 1931 NSDAP-Mitglied, machte Schmückle als Günstling des aus Esslingen stammenden Nationalsozialisten und späteren Gauleiters, Staatspräsidenten und Reichsstatthalter in Württemberg, Wilhelm Murr (1888-1845), Karriere. Der schlichte ehemalige kleine Angestellte der Maschinenfabrik Esslingen sorgte für Schmückles Rückkehr in den Staatsdienst, ab 1937 als sein persönlicher juristischer Berater in Kulturfragen.
 
Parallel sammelte Schmückle Posten in der Kulturverwaltung: Gaukulturwart, Landesleiter des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, Landesleiter der Reichsschrifttumskammer Württemberg-Hohenzollern und Vertreter Württembergs im Landesverband Deutscher Schriftsteller. Außerdem war er ab Januar 1939 Vorsitzender des Schwäbischen Schillervereins (heute: Deutsche Schillergesellschaft) und damit Direktor des Schiller-Nationalmuseums in Marbach. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, seine Stücke feierten auf der Bühne des Landestheaters Stuttgart ihre Premiere, Schmückle wurde vielfach geehrt. So verlieh ihm seine Heimatstadt Esslingen am 14. Oktober 1936 die Ehrenbürgerwürde.
 
Mit dem Ende der NS-Zeit endeten auch für den extrem profit- und geradezu krankhaft ehrversessenen Schmückle, einen persönlich skrupellosen Propagandisten und Profiteur des NS-Unrechtsregimes, die literarischen Erfolge, die einflussreichen Posten und die Auszeichnungen. Er wurde zwischen September 1945 und April 1947 im bayerischen Lager Moosburg inhaftiert, seine beiden Ehrenbürgerwürden (Strümpfelbach und Esslingen) wurden ihm aberkannt. Unweit seines Hofgutes Schmalzgrub bei Stötten am Auerberg ist Georg Schmückle am 8. September 1948 mit 68 Jahren verstorben. Sein literarisches Werk ist heute zu Recht vergessen.


Info

Wechselausstellungen

In aller Munde. Aspekte unserer Esskultur

Ausstellungs-Info

Von hier nach dort

Mitmachausstellung für die ganze Familie über Orientierung, Unterwegssein und Ankommen im Museum im Schwörhaus - Wechselausstellungen J. F. Schreiber-Museum

Verlängert bis 28. Oktober 2018
 

Ausstellungs-Info

Neuer Weg ins J. F. Schreiber-Museum ab 27. August

Ab 27. August verändert sich der Weg ins J. F. Schreiber-Museum im Salemer Pfleghof: Wegen der Baustelle an der Brücke Augustiner-/Geiselbachstraße wird dann die Unterführung am Salemer Pfleghof geschlossen. Die Unterführung beim Neuen Rathaus ist wieder zugänglich. Wir bitten Sie, der Beschilderung „Frauenkirche / Untere Beutau“ zu folgen.

Bitte verwenden Sie für Anfragen per Email bis auf Weiteres nur die Adresse: museen@esslingen.de

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