Objekt des Monats


An jedem ersten Dienstag im Monat um 18 Uhr präsentieren wir das Objekt des Monats  im Stadtmuseum im Gelben Haus im Rahmen eines Kurzvortrages.

 

Juli 2018

52x Esslingen und der Erste Weltkrieg



Brieftaubenmeldung: Kommunikation in höchster Not
Meldezettel und Originaltragehülse, 1918

(Stadtarchiv Esslingen, Nachlass Kielmeyer)

Zum Nachlass des Esslinger Kanoniers Richard Kielmeyer (1891–1946) gehört ein ganz besonderes Front-Souvenir: eine nur 3 cm lange Kapsel aus Aluminium zum Transport von Nachrichten auf dem Rücken einer Brieftaube. Die Kapsel enthält einen zusammengefalteten und -gerollten Zettel von 18,5 x 10 cm, der an ein Telegramm erinnert. Es ist eine Meldung aus vorderster Linie, von einem deutschen Offizier in dramatischer Lage abgesetzt. Der Text lautet: „Liege mit 5. Kompanie an der westlichen Strasse Vaulx-Beugny ungefähr an Punkt 0. Links kein Anschluss, rechts von Beugny kommen 3 Tanks an, Richtung Morchies vorgehend. 5:30 nachmittags. Rehm Leutnant und Kompanie Führer“.

 
Die Meldung ist undatiert und Leutnant Rehm nicht identifiziert, anders die Ortsangaben: Vaulx, Beugny und Morchies liegen ca. 5 km östlich von Bapaume. Der Ort wurde von den Deutschen am 24. März 1918 in ihrer Frühjahrsoffensive erobert. Denkbar ist, dass Rehms Leute beim Vorrücken auf Tanks – also Panzer – stießen, die den britischen Rückzug deckten. Möglich ist aber auch ein anderes Szenario: Nach der Räumung Bapaumes durch die Deutschen am 29. August 1918 waren Beugny und Morchies Ziel britischer Panzer-Vorstöße.
 
Die ersten Panzer wurden 1915 in England gebaut. Zur Geheimhaltung nannte man sie nach ihrem klobigen Aussehen „Tanks“. Zum Einsatz brachten die Briten Panzer erstmals am 15. September 1916 an der Somme, die Franzosen am 16. April 1917 auf der Hochebene von Craonne. In geringer Zahl anrollend wurden anfangs jedoch fast alle Kampfwagen von der deutschen Artillerie zerschossen. Daher unterschätzte die deutsche Oberste Heeresleitung die neue Waffe. Man verzichtete auf eine nennenswerte Produktion eigener Tanks. Auch erhielt die Infanterie keine wirksamen Abwehrwaffen. Im Ernstfall blieb ihr nur die Alarmierung der Artillerie.
 
Im Ersten Weltkrieg war die Feldtelefonie das wichtigste Kommunikationsmittel. Fernsprechleitungen wurden aber bei heftigem Geschützfeuer regelmäßig zerstört. So kamen gerade in kritischen Situationen Blinkapparate, Leuchtpistolen, Signalhörner, Meldegänger, Meldehunde und eben auch Brieftauben zum Einsatz.
 
Tauben haben die Fähigkeit, von einem beliebigen Abflugort zu ihrem Heimatschlag zurückzufinden. Das machte sich das Militär zu Nutze. Etwa 15 km hinter den vorderen Linien entstanden Taubenschläge: 1.000 gab es 1918 auf deutscher Seite. Von dort wurden die Tiere in Tragkörben in die Kampfstellungen geschafft. Auch Panzer, Flugzeuge und Ballons konnten Tauben mitführen. Für die Tiere gab es eigene Gasschutzkästen. An ihren Abflugstellen setzte man sie auf Diät: hungrige Tauben haben es mit dem Rückflug eiliger als satte.
 
Wir wissen nicht, ob Leutnant Rehm und seine Leute den Abflug ihrer Brieftaube lange überlebt haben und ob die Botschaft die Adressaten erreicht hat. Die Alliierten hatten im Lauf des Jahres 1917 eine neue, auf Masse setzende Einsatzweise ihrer Panzer entwickelt. Erstmals praktizierten sie die Briten am 20. November 1917 bei Cambrai. Dort griffen 400 Tanks die deutsche Front völlig überraschend an – unterstützt von speziell trainierter Infanterie, Artillerie und Schlachtflugzeugen. Am Abend des Tages hatten sie das Grabensystem durchstoßen und waren 9 km vorangekommen. Im Stellungskrieg war das nie zuvor gelungen. Nach Eindämmung der deutschen Frühjahrsoffensive gelangen den Alliierten 1918 erneut spektakuläre Großangriffe. Am 18. Juli 1918 brachen die Franzosen mit 337 Tanks aus dem Wald von Villers-Cotterets hervor. Am 8. August 1918, dem „schwarzen Tag“ des deutschen Heeres, attackierten die Engländer bei Amiens. Weitere Schläge folgten.
 
Motorisierung war das Rezept des Sieges. Doch griffen alle Armeen bis zuletzt exzessiv auf den Einsatz von Tieren zurück. Wohl 130.000 Brieftauben flogen für die deutsche Armee. 15.000 Hunde zählte das Heer der französischen Republik. 10–16 Millionen Pferde wurden im Krieg von allen Parteien eingesetzt – überwiegend als Zugtiere. Etwa acht Millionen sollen durch Strapazen, Krankheiten, Beschuss und Futtermangel zugrunde gegangen sein. Zwar inszenierte man einzelne Tiere als Helden: So wurde die Taube, die 1916 die letzte Meldung aus dem Fort Vaux bei Verdun gebracht hatte, in Paris posthum mit dem Kreuz der Ehrenlegion dekoriert. Doch verbrämten solche Auszeichnungen letztlich eine Praxis, die Tiere vor allem verbraucht und verschlissen hat.


Info

Wechselausstellungen

In aller Munde. Aspekte unserer Esskultur

Ausstellungs-Info

Von hier nach dort

Mitmachausstellung für die ganze Familie über Orientierung, Unterwegssein und Ankommen im Museum im Schwörhaus - Wechselausstellungen J. F. Schreiber-Museum
 

Ausstellungs-Info

Bitte verwenden Sie für Anfragen per Email bis auf Weiteres nur die Adresse: museen@esslingen.de

Hilfreiche Seiten

52x-Archiv 1.002